Mittwoch, 9. März 2016

Afrika - mein Traum






T/S Susanne Fritzen, Heimathafen Bremen

Afrika - diesen Traum hat mir mein Großvater eingepflanzt. Er hat mir die Bücher über ferne Länder beschafft, hat sie in seinem August, wie er sein Holzbein nannte, von West nach Ost geschmuggelt, denn in der DDR waren sie verboten. Trotz aller Risiken hat er es auf sich genommen, mich mit dem zu versorgen, was nach seiner Ansicht ein Junge von gerade sieben oder acht Jahren unbedingt lesen musste.
Als meine Eltern 1953 beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren, war ich begeistert, denn ich glaubte, das wäre der erste Schritt zur Realisierung meiner Träume.

Und mein Großvater? Er war schon ein verrückter Kerl. Später im Westen ließ er es sich nicht nehmen, wieder Bücher zu schmuggeln, von Ost nach West, denn in Westdeutschland waren viele Bücher aus Russland nicht erwünscht. Er hätte sie trotzdem nicht in seinem Holzbein verstecken müssen, es war wohl die Macht der Gewohnheit.















Es sollte noch ein paar Jahre dauern. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag heuerte ich auf der M/S San Juan Trader als Schiffsjunge an und fuhr nach Mittel- und Südamerika. Auf der Höhe von Peru ließ ich die Äquatortaufe über mich ergehen. 
 





M/S San Juan Trader, Heimathafen Monrovia (Hauptstadt von Liberia, Westafrika)


Einige Monate später heuerte ich auf der T/S Susanne Fritzen an. Inzwischen war ich siebzehn und gerade zum Leichtmatrosen befördert.
Seit Tagen begleiteten uns Möwen, ein untrügliches Zeichen, dass die Küste nicht weit ist. Ich hatte bis 4 Uhr früh als Rudergänger auf der Brücke gestanden. An Backbord sah ich die verschwommenen Umrisse der afrikanischen Küste.
Ich ging hinunter in meine Kammer und haute mich in die Koje, duselte weg in einen unruhigen Halbschlaf. Gegen acht wummerte es gegen die Tür - der Bootsmann. Ich hatte Dienst in der Messe, Frühstück aus der Kombüse ranschaffen, die Maschinen- und Decksmannschaft kam zu ihrer ersten Pause.
Etwas war anders und erst wusste ich nicht, was es war. Dann begriff ich - das gleichmäßige Stampfen der Maschine und das sanfte Schaukeln in der langen Dünung des Atlantiks fehlten.
Ich kletterte aus der Koje, zog meine Hose an, hastete an Deck. Auf Steuerbord sah ich eine schmale Landzunge mit Kränen, Lagerschuppen und niedrigen Häusern, dazwischen dunkelhäutige Menschen, Hafenarbeiter. Und immer wieder Palmen. Ein schmaler Wasserarm trennte die Halbinsel vom Festland, dicht bewachsen von dunkelgrünem Urwald. Wir lagen im Hafen von Lobito in Angola, damals noch unter portugiesischer Herrschaft.
Ich war angekommen.
Juni 1959



 Das ist der moderne Hafen von Lobito.  


 




 Mit der MS Falkenstein fuhr ich über Port Aden nach Singapur, Shanghai, Tsingtao und Dalian (oder Dairen), dem früheren Port Arthur. Das war vor Mao Tse-tungs Kulturrevolution. 






Als Matrose fuhr ich auf der MS Hildegard Doerenkamp, wieder nach Mittelamerika. In Nicaragua bin ich eine Weile hängen
geblieben, aber das ist eine andere Geschichte.