Montag, 31. August 2015

Heimkehr in ein fremdes Land

Im Sommer 1956 fuhr ich mit meiner Schwester Heliane zu meinen Großeltern von Krefeld nach Güstrow. An die Eisenbahnfahrt erinnere ich mich nicht mehr, nicht an die Kontrollen, an keine Grenze, auch nicht an russische Soldaten oder Vopos. Vermutlich hatte uns eine Rotkreuzschwester unter ihre Fittiche genommen, uns sicher durch alle Kontrollen an der Zonengrenze geleitet.
Als wir in Güstrow ankamen, war ich wieder zu Hause. Und auch nicht.



Meine Großeltern



1953 waren wir aus der DDR geflohen. Drei Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines Vierzehnjährigen und jetzt kam mir alles fremd und grau vor. Meine Großeltern wohnten noch immer am Spaldingsplatz 10. Meine Großmutter ging noch gebeugter, war noch kleiner geworden, mein Großvater war unsicher auf den Beinen, seinem eigenen und dem Holzbein, seinem August. 

Tante Irmgard war Rot geworden, vertrat lautstark sozialistische Ideen, sah sich bei jeder ihr von der Partei vorgegebenen Feststellung triumphierend um, wie es so ihre Art war. Sie war nicht nur Parteimitglied, hatte auch eine offizielle Funktion, ich weiß nicht mehr welche, und sie versuchte, meinen Großvater zu missionieren. Er erwiderte selten etwas und wenn, dann lautstark, klopfte auch schon mal drohend mit seinem Stock auf den Tisch. Er wollte von der roten Brut nichts hören, rechnete seine Tochter wohl dazu, wollte nur seine Ruhe, wollte nicht mehr Nazi genannt werden, der er mit Sicherheit nie gewesen war.

Von meiner Schwester hörte ich nicht sehr viel in den folgenden Wochen. Unsere Cousine Christiane, Tante Irmgards Tochter, war im gleichen Alter. Die Beiden tauchten mit den Nachbarskindern im Garten ab und haben bestimmt nicht über Politik gestritten.

Meine Großmutter war sehr in sich gekehrt und manchmal kam es mir so vor, als sei sie tatsächlich nach Pommern zurückgegangen. Sie sprach wenig, auch selten genug mit mir, und wenn sie nicht in der Küche werkelte, saß sie am Fenster und blickte ins Nirgendwo.

Ich war mit meinem Großvater viel im Garten auf der Goldberger Chaussee. Er hatte Mühe mit seinem Holzbein dorthin zugelangen, aber er nahm es auf sich, wollte seine Ruhe haben. Er hatte immer Brot und fetten Speck oder Schmalz in einem Stoffbeutel dabei und wir blieben den ganzen Tag draußen – das heiße Augustwetter ließ es zu.

Auf dem Spaldingsplatz hatte ein großer Rummelplatz eröffnet. Mitten auf dem Platz stand ein Riesenrad und Buden mit Süßigkeiten. Da waren Jongleure und Akrobaten und an einer der Buden konnte man mit Luftgewehren schießen. Dann gab es noch eine kleine Achterbahn, bei der die Wagen während der Fahrt mit einem Verdeck abgedeckt werden konnten. Wie auf jedem Rummelplatz gab es auch eine Geisterbahn.
Manchmal gab mein Großvater mir etwas Geld und ich ging auf den Jahrmarkt, fuhr mit dem Riesenrad oder der Achterbahn. Und dort, neben der Achterbahn, traf ich Rita. Dunkle Haare, Pferdeschwanz, blaue Augen. Sie trug ihr blaues Pioniertuch, so wie ich damals, als wir zusammen bei den Höhlenforschern waren, wie die Arbeitsgruppe 'Altertum' genannt wurde. Sie erkannte mich zuerst nicht, sagte dann, so als erinnere sie sich nur mit Mühe an mich: »Ach du bist es.«

Es entwickelte sich eine eher verkrampfte Unterhaltung – wo lebst du jetzt – was machst du – in welcher Klasse bist du. Bis sie dann ganz dringend nach Hause musste. Immerhin schaffte ich es, mich für den nächsten Tag mit ihr auf dem Jahrmarkt zu verabreden.

Sie kam tatsächlich.
»Ihr seid damals ganz plötzlich verschwunden«, stellte sie nüchtern fest und ich konnte nur schuldbewusst mit dem Kopf nicken.
»Ja«, sagte ich und verriet auch sofort meine Eltern.»Meine Eltern haben mich mitgenommen.«
»Wir blieben hier. So schlecht ist es hier auch nicht. Und es wird immer besser. Wir haben viel Spaß bei den Pionieren«, sagte Rita.
»Willst du Achterbahn fahren?«, fragte ich. Sie sah die quietschende Bahn an, die kreischenden Jungen und Mädchen, die ab und zu das Verdeck hochklappten, um im Schutz der Dunkelheit zu knutschen.
»Ich weiß nicht. Eigentlich schon. Aber ich muss jetzt gehen. Ich muss zu einer Versammlung.«
»Morgen wieder?«
»Ich weiß nicht, vielleicht.«

Am nächsten Tag und auch am übernächsten kam sie nicht. Ich ging dann wieder mit meinem Großvater einen ganzen Tag zur Goldberger Chaussee, erzählte ihm von Rita. »Sie wird nicht kommen dürfen«, sagte mein Großvater. »Du bist jetzt so was wie ein Abtrünniger, einer der zum Klassenfeind übergelaufen ist.«

Sie kam dann doch und wir fuhren auch Achterbahn, klappten das Verdeck hoch und es kam zu etwas, was ich damals für den Gipfel der Intimität hielt, zu einer Art Kuss. Eher ein Wischen meiner Lippen über ihre Wange, als ein richtiger Kuss.

Ich wollte ihr dann unbedingt einen kleinen Teddy schießen, schoss aber immer daneben. Lächelnd nahm sie mir das Luftgewehr aus der Hand, zielte kurz und traf. Rot vor Scham gab ich ihr großherzig den Teddy, den sie selbst geschossen hatte.

»Wir schießen regelmäßig mit Luftgewehren in unserer Pioniergruppe«, sagte sie beinahe entschuldigend. »Ich habe schon einige Preise gewonnen.«
Wir trafen uns noch drei- oder viermal an der Achterbahn, klappten auch das Verdeck hoch und machten etwas, was man heute abwertend Blümchensex nennt.

Sie sagte dann, dass sie für die nächsten Wochen ins Pionierlager in die Ferien ginge, und dass sie nun nicht mehr kommen könne.
Drei Wochen später fuhr ich mit meiner Schwester wieder nach Hause. Mein Großvater gab dem Chef der Zugbegleiter ein paar Zigarren, damit er auf der Rückfahrt auf meine Schwester und mich aufpasste.

Jetzt, wo ich an Sommer 56 denke, geht mir etwas durch den Kopf, worüber ich bisher noch nie nachgedacht habe. Im Jahr 53 waren wir in den Westen geflüchtet, haben rieber jemacht. Trotzdem habe ich 56 mit meiner Schwester, also gerade mal drei Jahre, nachdem wir getürmt waren, meine Großeltern in Güstrow besuchen dürfen. Alle, die ich fragen könnte, wer damals die Genehmigungen beschafft hat, wie er es gemacht hat, sind tot. Ich weiß, dass wir nur eine Aufenthaltsgenehmigung für die Stadt Güstrow hatten, weil mein Großvater Fuchsteufels wild geworden ist, als ich, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, auf dem Fahrrad, mit meiner Schwester auf dem Gepäckträger, zu einem früheren Schulfreund in ein Dorf nahe Güstrow gefahren war.

So richtig eiskalt und unerträglich wurde der Kalte Krieg wohl doch erst später.
Von Rita habe ich nie wieder gehört. Vielleicht liest sie diese Zeilen. Wenn ja, melde Dich! Reden wir über die Höhlenforscher. Und über die Achterbahn.