Mittwoch, 9. März 2016

Afrika - mein Traum






T/S Susanne Fritzen, Heimathafen Bremen

Afrika - diesen Traum hat mir mein Großvater eingepflanzt. Er hat mir die Bücher über ferne Länder beschafft, hat sie in seinem August, wie er sein Holzbein nannte, von West nach Ost geschmuggelt, denn in der DDR waren sie verboten. Trotz aller Risiken hat er es auf sich genommen, mich mit dem zu versorgen, was nach seiner Ansicht ein Junge von gerade sieben oder acht Jahren unbedingt lesen musste.
Als meine Eltern 1953 beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren, war ich begeistert, denn ich glaubte, das wäre der erste Schritt zur Realisierung meiner Träume.

Und mein Großvater? Er war schon ein verrückter Kerl. Später im Westen ließ er es sich nicht nehmen, wieder Bücher zu schmuggeln, von Ost nach West, denn in Westdeutschland waren viele Bücher aus Russland nicht erwünscht. Er hätte sie trotzdem nicht in seinem Holzbein verstecken müssen, es war wohl die Macht der Gewohnheit.















Es sollte noch ein paar Jahre dauern. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag heuerte ich auf der M/S San Juan Trader als Schiffsjunge an und fuhr nach Mittel- und Südamerika. Auf der Höhe von Peru ließ ich die Äquatortaufe über mich ergehen. 
 





M/S San Juan Trader, Heimathafen Monrovia (Hauptstadt von Liberia, Westafrika)


Einige Monate später heuerte ich auf der T/S Susanne Fritzen an. Inzwischen war ich siebzehn und gerade zum Leichtmatrosen befördert.
Seit Tagen begleiteten uns Möwen, ein untrügliches Zeichen, dass die Küste nicht weit ist. Ich hatte bis 4 Uhr früh als Rudergänger auf der Brücke gestanden. An Backbord sah ich die verschwommenen Umrisse der afrikanischen Küste.
Ich ging hinunter in meine Kammer und haute mich in die Koje, duselte weg in einen unruhigen Halbschlaf. Gegen acht wummerte es gegen die Tür - der Bootsmann. Ich hatte Dienst in der Messe, Frühstück aus der Kombüse ranschaffen, die Maschinen- und Decksmannschaft kam zu ihrer ersten Pause.
Etwas war anders und erst wusste ich nicht, was es war. Dann begriff ich - das gleichmäßige Stampfen der Maschine und das sanfte Schaukeln in der langen Dünung des Atlantiks fehlten.
Ich kletterte aus der Koje, zog meine Hose an, hastete an Deck. Auf Steuerbord sah ich eine schmale Landzunge mit Kränen, Lagerschuppen und niedrigen Häusern, dazwischen dunkelhäutige Menschen, Hafenarbeiter. Und immer wieder Palmen. Ein schmaler Wasserarm trennte die Halbinsel vom Festland, dicht bewachsen von dunkelgrünem Urwald. Wir lagen im Hafen von Lobito in Angola, damals noch unter portugiesischer Herrschaft.
Ich war angekommen.
Juni 1959



 Das ist der moderne Hafen von Lobito.  


 




 Mit der MS Falkenstein fuhr ich über Port Aden nach Singapur, Shanghai, Tsingtao und Dalian (oder Dairen), dem früheren Port Arthur. Das war vor Mao Tse-tungs Kulturrevolution. 






Als Matrose fuhr ich auf der MS Hildegard Doerenkamp, wieder nach Mittelamerika. In Nicaragua bin ich eine Weile hängen
geblieben, aber das ist eine andere Geschichte.


Montag, 31. August 2015

Der Spanische Bürgerkrieg - der Exodus der Kinder

Das Schlimmste, was einem Land widerfahren kann, ist ein Bürgerkrieg. Die Front geht quer durch das Land, Väter schießen auf Söhne, der Bruder auf den Bruder. Ein Bürgerkrieg endet nie.
Der spanische Bürgerkrieg nahm seinen Anfang 1936 unter General Franco mit einer Revolte der Truppen in Spanisch-Marokko. Die Kämpfe breiteten sich bald über das gesamte Mutterland aus und ganze Regionen entschieden sich für die Falange oder Republikaner. Der Osten Spaniens mit den Städten Valencia, Tarragona und Barcelona hatte sich gegen Franco auf die Seite der Republikaner geschlagen. Valencia war Sitz der letzten demokratisch gewählten Regierung.



Hinter den Barrikaden: Regierungsanhänger verschanzen sich im September 1936 vor den faschistischen Rebellen in Toledo.

Deutschland unterstützte Franco mit der Legion Condor, die überwiegend Luftwaffeneinheiten stellte. Die deutschen Soldaten trugen keine Uniformen und ihre Existenz auf spanischem Boden wurde bis zum Ende des Krieges 1939 von deutscher Seite bestritten. Italienische Truppen kämpften ebenfalls auf Seiten der Falange. Die Sowjetunion kämpfte auf der Seite der Republikaner und unterstütze sie mit schweren Waffen, Panzern, Geschützen und rund 2000 Soldaten. Dazu kamen die internationalen Brigaden auf der Seite der Republikaner. Ernest Hemingway hat die Kämpfe in seinen autobiografisch gefärbten Romanen eindrucksvoll beschrieben.Als sich der Sieg Francos abzeichnete, evakuierten viele spanische Familien ihre Kinder aus Angst vor der Rache der Sieger. In den Zeiten des gemeinsamen Kampfes hatten sich persönliche Bindungen zwischen Russen und Spaniern entwickelt, und von etwa 34.000 Kindern kamen 3.500 in die Sowjetunion.
Die nach Frankreich, Schweden oder Dänemark evakuierten Kinder, kehrten bald nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurück. Viele gelangten in die spanisch sprechenden Länder Mittel- und Südamerikas und fanden dort eine neue Heimat. Auch bei den Kindern in der UdSSR ging man von einer zeitlich begrenzten Trennung aus. Es sollte eine sehr lange Trennung werden und für viele wurde es eine Reise ohne Wiederkehr.
Mit dem Ende des Bürgerkrieges nahmen die Faschisten grausame Rache und das ist mit ein Grund, weshalb der Krieg in den Köpfen auch heute, im Jahr 2015, noch nicht zu Ende ist. Die genaue Zahl der Ermordeten ist umstritten. Schätzungen besagen, dass etwa hunderttausend Menschen nach Kriegsende umgebracht wurden. Teilweise waren es improvisierte Kriegsgerichte, die für Legitimation sorgen sollten. Zum großen Teil wurden die Menschen auf offener Straße erschossen. Oft reichte eine Anzeige des Nachbarn und viele Immobilien haben auf diese Weise den Besitzer gewechselt.
In Spanien hatte man die Kinder nicht vergessen. Aber mit Ende des zweiten Weltkrieges begann der Kalte Krieg und humanitäre Vereinigungen hatten kaum Möglichkeiten, sich um die Kinder in der UdSSR zu kümmern. Aus damaliger Sicht hatte man Wichtigeres zu tun und Franco, unangefochtener Diktator Spaniens, hatte kein Interesse an den Nachkommen seiner ehemaligen Gegner.

Ich lernte Elena (Name geändert) vor einigen Jahren hier in Valencia kennen, sie hatte gerade ihren 79. Geburtstag gefeiert.
Elena wurde 1934 in Valencia geboren und war viereinhalb Jahre alt, als sie kurz vor Kriegsende mit ihrer Schwester Conchita Spanien per Schiff über Genua verließ und nach Leningrad gelangte. Elena lernte Russisch, ging in Leningrad zur Schule, trug das rote Pionierhalstuch und wurde mit vierzehn Komsomol. Sie verliebte sich in einen jungen Russen, heiratete und bekam drei Kinder. Ihr Leben plätscherte so dahin, ein karges, russisches Leben. Erst zur Zeit Breschnjevs besserte sich die Versorgungslage in der Sowjetunion und auch Elena und ihrer Familie ging es besser.
Elena hatte ihre spanischen Wurzeln nie vergessen und 1992 übersiedelte sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern nach Valencia, ihre alte Heimat. Ihr Sohn, inzwischen mit einer Russin verheiratet, ist in Moskau geblieben.
Die jahrelange Präsenz russischer Soldaten hat Spuren hinterlassen – man hat gute Erinnerungen an die Russen. In der Provinz Valencia leben heute etwa fünfunddreißigtausend Russen. Größtenteils sind sie legal eingewandert. Nicht wenige kamen in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Touristen ins Land, haben Spanisch gelernt und sind geblieben. Die Behörden tolerieren sie, und nach drei bis vier Jahren erhalten sie problemlos eine Tarjeta Residencia. Die Stadtverwaltung bietet ihnen kostenlose Sprachkurse und Russisch sprechende Rechtsanwälte unterstützen auch die Illegalen.
Heute findet ein Exodus in entgegengesetzter Richtung statt. Die Kinderheime in Russland, Kasachstan und der Ukraine sind überfüllt, und viele spanische Ehepaare haben Kinder aus diesen Ländern adoptiert. Die spanischen Adoptiveltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder die Bindung an ihre Heimat nicht verlieren. Zumeist sind sie im Alter von drei bis sechs Jahren nach Spanien gelangt und oft sprechen sie nur wenig Russisch. In Valencia gibt es den Club Volga. Zu den orthodoxen Feiertagen wird nach den Bräuchen der alten Heimat gefeiert. Der Club bietet Sprachkurse für russische Kinder, sie sollen ihre Muttersprache nicht vergessen.
Auf der Weihnachtsfeier Ende 2010 im Club Volga habe ich zum ersten Mal Katja getroffen. Katja war Weihnachten vier Jahre alt, gerade in dem Alter, in dem Elena vor über siebzig Jahren nach Leningrad kam. Sie kommt aus einem Kinderheim in Kasachstan und lernt im Club Volga Russisch, aber das macht ihr im Moment noch nicht so richtig Spaß. Jetzt besucht auch ihre Adoptivmutter einen russischen Sprachkurs und vielleicht können sich Mutter und Tochter bald auf Russisch unterhalten.
Elena hat ihre Mutter nie wiedergesehen. Sie hat mich gebeten, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist kein leichtes Thema, aber ich werde es aufschreiben. An vielen Stellen muss ich zum Schutz einiger Beteiligter Fantasie walten lassen, denn die Wahrheit ist ein empfindliches Pflänzchen.
Valencia, Weihnachten 2011





 Folklorefestival in Valencia auf der Plaza de la Virgen 













Weihnachten 2010 im Club Volga
Russische Kinder, die von spanischen
Eltern  adoptiert wurden 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Meine Frau Galina ist gebürtige Russin
aus Perm am Ural. Hier ist sie 
mit Katja abgebildet





 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Elena, kurz bevor sie in die Sowjetunion evakuiert wurde 

1945 - eine kleine Stadt in Deutschland




30. Januar 1945
Jede Nacht, seit einer Woche, beobachteten die Einwohner der kleinen Stadt die flackernden Lichter über dem Horizont. Die Erscheinungen hätten Wetterleuchten oder ferne Gewitter sein können, wenn sie nicht in östlicher Richtung zu sehen gewesen wären.
Jetzt war das Flackern stärker als jedes Wetterleuchten, die gelb und orangefarbenen Blitze der explodierenden Artilleriegranaten und die Flugbahnen der Leuchtspurmunition waren deutlich zu erkennen. Seit letzter Nacht konnte man auch das dumpf drohende Grollen der Granateinschläge und das grelle Pfeifen der Stalinorgeln hören.  Seit Tagen und Wochen waren verwundete Soldaten in endlosen traurigen Kolonnen durch die Stadt gezogen, zu Fuß oder in Sanitätsfahrzeugen. Leichtverletzte zogen Schwerverletzte auf Handkarren hinter sich her. Sie klopften an die Türen und fragten nach Wasser oder etwas Essbarem.
Plötzlich war der Spuk dieses Elendstrecks verwundeter Soldaten zu Ende. Voller Hoffnung glaubten die Menschen, die deutsche Front hätte Stand gehalten, bis bekannt wurde, es gäbe keine deutsche Front mehr. Die kläglichen Reste der deutschen Soldaten seien eingeschlossen und würden von den Russen gnadenlos vernichtet. Es befand sich kein Hindernis mehr zwischen den Russen und der Stadt, und die Rote Armee war nur noch wenige Kilometer entfernt.

In der Stadt wohnten vor dem Krieg etwas weniger als fünfzigtausend Menschen, unwichtig aus militärischer Sicht. Ihr Verhängnis war, der roten Armee auf ihrem Vormarsch im Weg zu stehen.
Bereits am späten Nachmittag des Vortages war ein Lautsprecherwagen der Wehrmacht durch die Straßen der Stadt gefahren und der Sprecher hatte die Männer vom Volkssturm und alle anderen Wehrfähigen aufgerufen, sich am nachfolgenden Morgen auf dem Marktplatz einzufinden. ‘Morgen früh 5 Uhr auf dem Marktplatz’ lautete die Durchsage. In den Pausen drang fröhliche Marschmusik aus dem Lautsprecher.

Es war fünf Uhr morgens und noch dunkle Nacht. Ein scharfer Wind fegte über den Sammelplatz und trieb fallenden Schnee vor sich her. Aber nicht als weiche Flocken, die prickelnd auf der Haut schmolzen, sondern scharfkantige Eiskristalle, die sich wie spitze Nadeln in Gesicht und Hände bohrten.

An den Straßenecken und in den Hauseingängen türmten sich kleine Wehen auf. In jenem Winter war es bereits Ende September, also ungewöhnlich früh, sehr kalt geworden, und die Warthe, der Fluss, an dessen Ufern die Stadt lag, war seit Weihnachten zugefroren. Das Eis war fest, und die Bewohner der Stadt überquerten mit ihren Pferdefuhrwerken den Fluss.

Etwa fünfzig Männer hatten sich auf dem Platz neben dem Dom eingefunden und waren in einer unmilitärisch schiefen Linie angetreten. Die meisten von ihnen trugen die Armbinde des Volkssturms, aber auch jene ohne Armbinde waren als wehrfähig eingestuft und hatten sich auf den Sammelplatz begeben. Fast alle waren in Zivilkleidung, Wintermänteln, Filzhüten mit Krempe, Pudelmützen, fellgefütterte Winterstiefel, oder auch dünne Halbschuhe. Viele waren Brillenträger, und die Gläser waren vom Schnee dick verkrustet. Sie hatten handgestrickte Handschuhe an und wollene Schals um den Hals geschlungen. Nicht alle besaßen Schals oder Mützen, und viele der Mäntel und Schuhe waren wenig geeignet für den Schnee und die beißende Kälte an jenem frühen Morgen.

Einige der Männer gingen an Krücken, hatten von Blut rot verfärbte Verbände um den Kopf gewickelt, oder es fehlte ihnen ein Arm oder ein Bein. Die leeren Ärmel der Mäntel hatten sie in die Manteltaschen gesteckt, die leeren Hosenbeine nach oben geschlagen und mit großen Sicherheitsnadeln festgesteckt oder mit Bändern umbunden. Die Verwundeten trugen Uniformmäntel der Wehrmacht. Sie waren auf dem Rückmarsch von der Front in der Stadt zurückgeblieben, weil es nicht genug Transportfahrzeuge gab, weil sie zu müde waren, weiter zu laufen, weil sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten und nicht mehr weitergehen wollten.

Die verwundeten Soldaten waren noch jung, kaum zwanzig Jahre alt, oder nur wenig älter. Die Männer vom Volkssturm waren über fünfzig Jahre, und einige der Älteren mussten gestützt werden. In der Reihe der Erwachsenen standen auch einige Jungen, vielmehr Kinder, vielleicht vierzehn Jahre alt. Sie trugen auch Uniformen, die ihnen zu groß waren und in die sie in diesem Krieg nicht mehr hineinwachsen würden. Sie hatten Angst und einer von ihnen weinte und versteckte sich hinter seinen Kameraden, wollte niemandem seine Tränen zeigen.

Ein paar hölzerne Karren standen vor der Linie. Die unrasierten Gesichter der Männer waren grau von Kälte und den beißenden Eiskristallen, die durch jedes Knopfloch, durch jeden Ritz ihrer Kleidung bis auf die Haut drangen. Sie kannten sich, es war eine kleine Stadt. Sie waren Nachbarn und gemeinsam zum Sammelplatz gegangen. Sie redeten nicht miteinander, auch nicht die üblichen Durchhalteparolen wollten ihnen über die Lippen kommen.

In der Reihe stand ein Mann, der sich Vorwürfe machte, nicht auf seine Frau gehört zu haben. Sie hatte geweint und gesagt: »Geh nicht dort hin, lass uns weggehen, noch ist es Zeit. Denk an unser Kind.« Der Mann wollte nicht zum Sammelplatz gehen, aber er fürchtete sich den Befehl zu verweigern, welcher den ganzen gestrigen Nachmittag über den Lautsprecherwagen ausgerufen worden war. Wenn es morgens hell wurde, sahen die Passanten auf dem Marktplatz die Unglücklichen an den Laternen hängen, die nachts hatten flüchten wollen. Ein Standgericht der SS hatte sie auf dem Marktplatz zur Abschreckung aufgehängt. Oft hängten sie Männer am helllichten Tag auf, weil sie sich Zuschauer wünschten, und die SS-Schergen hängten sie in einer Weise, die langsames Sterben bedeutete. Nie versuchte einer der Zuschauer zu helfen. Es war so wie immer. Da war das Opfer, manchmal um Hilfe bettelnd, seine Henker in ihren schwarzen Uniformen und den Totenköpfen an den Helmen und die unbeteiligten Dritten, die Zuschauer, voller Selbstverachtung, sich widerlich vorkommend, weil sie nicht halfen, glücklich, nicht betroffen zu sein.
Die Zuschauer rannten in die Seitenstraßen, bemüht, nicht hinzusehen, wie die noch immer Lebenden an den Laternen zappelten, wie ihnen der Kot an den Beinen runter lief und über die Schuhe auf die Erde tropfte - und sie mussten trotzdem hinsehen.



Der Mann wollte nicht und musste dennoch hingehen. Seine Frau hatte ihn am Mantel festgehalten und verzweifelt angefleht: »Du wirst sterben, wenn du hingehst.« Sie hatte sich in seinen Mantel gekrallt, versuchte ihn mit Gewalt daran zu hindern, zum Sammelplatz zu gehen. Das Kind war von ihrem Streit wach geworden und weinte. Sie riss den Jungen aus dem Bett und hielt ihn ihrem Mann hin: »Sieh deinen Sohn an. Willst du ihn alleine lassen?« Der Mann antwortete ruhig: »Ich muss gehen, ohne mich seid ihr besser dran, ich bringe dich und den Jungen nur in Gefahr, wenn ich bleibe. Wo ich sterben werde, ist egal. Ohne mich hast du mit unserem Jungen noch eine Chance«, und hatte sie sanft, um ihr nicht wehzutun, abgeschüttelt, umarmte sie gegen ihren Willen zum Abschied, küsste sie auf die Stirn und wollte gehen. Voller Panik, alleine zu bleiben, versperrte sie mit ihrem Körper die Wohnungstür und es kam zu einem Gerangel. Der Mann hatte keine Wahl, er musste sie beiseite schieben, und er tat es so sanft wie möglich, aber sie fiel trotzdem zu Boden. Regungslos saß sie auf dem Boden neben der Tür, ihr Gesicht kreideweiß und von Schweiß und Tränen überströmt und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihren Mann an. Ohne einen Blick zurück verließ er die Wohnung.

Jetzt dachte er an sie und an sein Kind und bereute, nicht auf seine Frau gehört zu haben.


alle Titel von Detlev Crusius alias Eddy Zack bei Amazon


Vor der angetretenen Truppe stand ein alter Feldwebel der Wehrmacht, älter, als die meisten der Männer vor ihm. Er trug einen vom langen Krieg zerschlissenen und dreckverkrusteten Uniformmantel. Seinen Kopf hatte er mit einem grauen Schal umwickelt, darüber trug er als Einziger einen Stahlhelm.
Die Leute von der Partei und der Stadtkommandant hatten ihm befohlen, Landsberg, das war der Name der kleinen Stadt, gegen die heranrückenden Bolschewiken, so nannte der Stadtkommandant die Soldaten der Roten Armee, mit den Männern des Volkssturms zu verteidigen.

Der alte Feldwebel war genauso müde und halb erfroren wie die Männer, und er hatte wie sie seit Längerem keine warme Mahlzeit mehr gegessen. Er betrachte die unmilitärische Linie der angetretenen Männer vor sich, er sah die Holzwagen, die später dazu dienen sollten, die Verwundeten und die Toten aus der Kampfzone wegzuschaffen. Er sah die Waffen, die man ihm zur Verteidigung der Stadt überlassen hatte. Ein leichtes Maschinengewehr mit zwei Munitionsgurten. Er selbst hatte seine Pistole, eine P08, und über der Schulter trug er einen Karabiner. Die Pistole war geladen, aber er hatte keine Reservemunition mehr. Für den Karabiner gab es schon seit Wochen keine Patronen mehr. Die meisten angetretenen Männer trugen einen Spaten mit kurzem Stiel im Gürtel. Mit diesem Werkzeug hatten sie in den vergangenen Tagen Schanzarbeiten am Stadtrand verrichtet.

Der Obersturmbannführer der SA hatte den Feldwebel zum Rapport in sein Büro befohlen. Als dieser das Büro betrat, fiel sein Blick auf das Bild des Führers, welches an der Wand hinter dem Schreibtisch hing. Daneben stand schräg an die Wand gelehnt eine Hakenkreuzstandarte mit dem Adler auf der Spitze der Stange. Es roch nach frischem Kaffee und gutem Essen. Der Obersturmbannführer saß hinter einem riesigen Schreibtisch und hielt dem Feldwebel einen Vortrag, faselte von Volk, Führer und Vaterland. Er war noch ein junger Mann, halb so alt wie der Feldwebel und etwas dicklich. Die Knöpfe seiner sauberen und gut gebügelten braunen Uniform spannten über dem Bauch. Seine Augen waren wässerig von übermäßigem Alkoholgenuss.

Er bot dem Feldwebel keinen Stuhl an, was dieser jedoch nicht bedauerte. In Gedanken war er bei einer ganz anderen Nachricht, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, und die er gestern mit großer Verspätung erhalten hatte. Seine Frau und seine Mutter waren vor zwei Monaten bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben gekommen, daran dachte er, als er den Obersturmbannführer vor sich sah. Er dachte auch an seine beiden Söhne, die in Stalingrad gefallen waren, verreckt im Dreck für Führer und Vaterland.

Die Männer des Volkssturms, so schnarrte ihn der Obersturmbannführer an, wobei er den Tonfall des Führers zu kopieren versuchte, sollten zuerst Gräben ausheben, später mit ihren Spaten die heranstürmenden Russen erschlagen und ihnen die Waffen abnehmen. Der Feldwebel hatte nicht gefragt, wie er diesen Befehl mit einer Handvoll alter und vor Kälte und Hunger erschöpfter Männer ausführen sollte. Was hätte der Obersturmbannführer schon geantwortet? Wahrscheinlich, ein Deutscher, sei er auch alt und verhungert und nur mit einem Spaten bewaffnet, könne zehn oder mehr schwer bewaffnete Rotarmisten totschlagen. Er hatte dieses Gefasel schon so oft gehört, er konnte es nicht mehr anhören und fragte lieber nicht.

Als der Feldwebel meinte, der Obersturmbannführer hätte alles gesagt, hob er mit gekrümmten Fingern seine rechte Hand in die Nähe seiner Stirn und ließ sie mit steinernem Gesichtsausdruck einen Moment dort in der Luft hängen. Mit seinen Gedanken war er in Hamburg, bei seiner Frau und seiner Mutter, die er nun nie mehr wiedersehen würde.

Der Obersturmbannführer schnarrte ihn in seiner Hitler-Imitation an: »Haben Sie den Deutschen Gruß verlernt?« Ebenso schnarrend antwortete der Feldwebel: »Nein, Obersturmbannführer, wie könnte ich den je verlernen.« Er drehte sich um und verließ den Raum, unfähig weiter im selben Raum mit diesem Mann bleiben zu können. Angst hatte er keine mehr, er war nur noch verzweifelt und unendlich müde.

Der Mann, der gegen den Willen der Frau zum Sammelplatz gekommen war, stand dem Feldwebel gegenüber. Dieser sah ihn an, und für einen Augenblick traf sich ihr Blick. Sie waren sich bisher nie begegnet, aber in diesem Augenblick wusste jeder, was der andere gerade dachte: ‘Wir werden hier sterben.’

Der Feldwebel jedoch fasste einen Entschluss. Er trat noch näher an die Männer heran und deutete ihnen an, einen Kreis um ihn zu bilden. Dann sagte er: »Männer, was ich euch jetzt sage ist ein Befehl, auf den ihr euch jederzeit berufen könnt, wenn euch jemand aufhält. Ihr geht jetzt nach Hause, der Krieg ist für euch zu Ende. Kümmert euch um eure Frauen und Kinder. Nehmt Decken und so viele Lebensmittel wie ihr tragen könnt und geht zum Bahnhof. Heute Morgen sind zwei Personenzüge aus Küstrin angekommen und das sind die letzten Züge, die diese Stadt verlassen werden. Ihr solltet spätestens mittags 13 Uhr auf dem Bahnhof sein. Die Züge fahren heute am späten Nachmittag zurück nach Küstrin, dort über die Oder und weiter Richtung Westen, weg von der Front und weg von den Russen. Ihr braucht keine Angst zu haben, es wird euch niemand sehen, wenn ihr jetzt geht. Auch auf dem Bahnhof wird euch niemand sehen. Die von der Partei, der Stadtkommandant und auch die SS haben die Stadt gestern Abend verlassen. Ich wünsche euch viel Glück.« Einen Moment sah es so aus, als ob der Feldwebel militärisch grüßen wollte. Aber er hob nur die Hand und es wurde so etwas wie Winken daraus und er lächelte dabei.

Die Männer sahen sich ungläubig an, flüsterten leise miteinander. Konnte das wahr sein, durften sie nach Hause gehen?

Einige hoben halbherzig und mehr aus Gewohnheit den rechten Arm zum Hitlergruß, ließen ihn jedoch rasch wieder sinken und sagten nichts. Der Feldwebel kehrte sich ab, kämpfte sich gegen das Schneetreiben vorn über gebeugt quer über den Platz und verschwand in einer schmalen Gasse. Das war sein letzter Befehl in diesem Krieg gewesen, und er wusste das. ‘Die Feldjäger werden mich finden’. Es war ihm egal, er hatte keine Angst mehr. Er war nur noch müde.
Die Männer zerstreuten sich rasch, die kleinen Holzwagen nahmen sie mit. Bald war der Platz menschenleer, und nach wenigen Minuten hatte der wirbelnde Schnee ihre Fußspuren zugeweht.
Von diesen Ereignissen erzählte viele Jahre später mein Vater. Es muss sich am 30. Januar 1945 so zugetragen haben. Am gleichen Tag verließen wir Landsberg (a.d. Warthe) mit dem Zug.




 Arthur Grimm Bildarchiv  Preussischer Kulturbesitz




 

 DPA

Von Freundschaft und Tod

Ein Nachruf
Was mag in einem Menschen wohl vorgehen, dem gerade der Arzt sagt, er habe noch vier Wochen Zeit? Ich kann die Frage nicht beantworten, obwohl ich dabei war, als man das einem guten Freund sagte.

Ich spreche von Urs, der ziemlich genau vor zehn Jahren starb. Inzwischen ist viel Wasser durch die Limmat in den Zürichsee geflossen, alles ist verjährt, im juristischen Sinn, und ich hoffe auch in meinem Inneren. Ganz sicher bin ich mir nicht.



Quelle - Schweizerische Gesellschaft für Kulturgüterschutz SGKGS
http://www.kirche-zh.ch/

Ich lernte Urs 1984 kennen. Er war damals ein junger, aufstrebender Wirtschaftsfachanwalt, mit besten Kontakten zur Schweizer Bankenwelt, einer der Leute, gegen die ein deutscher Politiker später einmal die Kavallerie einsetzen wollte.
Unsere ersten Projekte wickelten wir 1986 in Russland ab, noch zur Zeit Gorbatschows. Später arbeiteten wir an Projekten in Libyen und Syrien, bis die libyschen Projekte für mich strafrechtliche Konsequenzen hatten. Ich habe damals zu den Vorwürfen gegen Urs geschwiegen, und er kam ungeschoren davon. Er hat ebenso zu meinen Gunsten ausgesagt, und ich kam vielleicht etwas glimpflicher davon. Seine Zeugenaussage liest sich über weite Strecken wie aus dem Handbuch für den angehenden Junganwalt – ich berufe mich auf meine anwaltliche Schweigepflicht. Dabei muss  ich allerdings sagen, dass sich die ganze Geschichte anders abgespielt hat, als die Staatsanwaltschaft damals glauben machen wollte. Zugunsten des Gerichts und der Staatsanwaltschaft gebe ich aber zu, dass sie mit Überschriften in der
Boulevard-Presse wie – Auschwitz im Wüstensand – nicht allzu viel Spielraum hatten.

Unsere Freundschaft war eine Hass-Freundschaft. Urs war krank, alkoholkrank, und auch sonst ließ er nichts aus, was das Leben als angebliche Freuden bereit hält. Manchmal gewann der Hass zwischen uns die Oberhand, dann sahen wir uns Wochen, Monate nicht. Dann wieder kam die Freundschaft zum Vorschein und ich wohnte in Zürich, weil er merkwürdigerweise nicht trank, solange ich in Zürich war. Ich hasste ihn, wenn ich ihn wieder einmal in einer psychiatrischen Klinik zur Entgiftung abliefern musste. Holte ich ihn nach ein oder zwei Wochen wieder ab, hatte ich unendliches Mitleid mit ihm. Da stand er, zerfurcht, beinahe zerschlissen, abgemagert, oft gequält von einer Entzugsepilepsie, eine Plastiktüte mit seinen wenigen Habseligkeiten unter dem Arm. Gefängnisse und Psychiatrien haben eins gemeinsam – die Türen haben von ihnen keine Klinken.

Ich weiß, auch er hat mich gelegentlich gehasst. Wenigstens immer dann, wenn ich ihn gegen seinen Widerstand, bis hin zu Handgreiflichkeiten, aus einem Lokal herausholte, oder im Bordell freikaufte und ihn in die Psychiatrie brachte.

Urs bekam Schmerzen im Rücken. Als sei es gestern gewesen, erinnere ich mich, wie ich ihm aus seinem Fernsehsessel hoch helfen musste, wie er sagte – ich muss mich einmal gründlich vom Arzt untersuchen lassen. Ich gehe in die Klinik, dann habe ich alle Untersuchungen in zwei Tagen hinter mir.

Nach zwei Tagen Klinikaufenthalt hieß es, es werde wohl etwas länger dauern. Ich besuchte ihn jeden Tag und nach einer Woche sagte er, laut Aussage der Ärzte habe er noch ein Jahr zu leben. Aber, meinte er, so schlimm sei das nicht, in einem Jahr habe er seine persönlichen Sachen geregelt.

Urs war zeit seines Lebens ein sehr starker Raucher und mir fiel auf, dass auch in seinem Krankenzimmer der Aschenbecher überquoll. Es war ein beinahe komischer Anblick, wie er im Bademantel, den Tropf am Galgen hinter sich herziehend, die Nadel der Infusion im Arm, eine glimmende Zigarette in der Hand, durch das Krankenzimmer schlurfte. Die Ärzte hatten ihn aufgegeben.

Eine weitere Woche verging und sein Bruder, ebenfalls Arzt, besuchte ihn. Als ich nach dem Besuch des Bruders in die Klinik kam, sagte Urs: Die Ärzte haben mich belogen, ich habe höchstens noch vier Wochen Zeit. Er war nicht etwa erregt, nur seine Stimme klang etwas brüchig.

Urs bestellte einen Notar in die Klinik und diktierte sein Testament. Seine Töchter, zu denen er während der letzten Jahre ein eher distanziertes Verhältnis hatte, kamen zu Abschiedsbesuchen. Ich sah mit an, wie seine Beine auf doppelten Umfang anschwollen und er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Sein ganzer Körper verfärbte sich über Gelb bis Dunkelbraun, als seine Leber ihre Funktion einstellte. So ziemlich der letzte Satz, den er zu mir sagte, war: So schlimm ist das alles nicht. Ich bin einhundertvier Jahre alt geworden, das ist doch ganz ordentlich. Und er fügte hinzu: Ich habe so intensiv gelebt, bei mir zählt jedes Jahr doppelt. War er tatsächlich so gelassen? Ich weiß es bis heute nicht.

Urs starb wenige Tage, nachdem er diesen Satz gesagt hatte, eine Woche vor seinem zweiundfünfzigsten Geburtstag.

Das Manuskript mit dem Titel  Kasino Rossija liegt jetzt schon mehrere Jahre in meiner Archivschublade. Die Handlung spielt über weite Strecken in Moskau und Sibirien, aber auch in Zürich, in einer kleinen, verschwiegenen Anwaltskanzlei in einem Haus neben dem Grossmünster, der bekannten Kirche mit dem Doppelturm. Das Haus wurde 1254 erbaut und trägt den Namen „Trinkstube der Edelleute“.

Ich werde Kasino Rossija noch einmal überarbeiten und dann veröffentlichen. Es ist an der Zeit.

Unsere gemeinsamen Erlebnisse in Libyen finden Sie unter dem Titel  Tarhuna - Giftgas für Libyen auf den bekannten eBook-Plattformen.

Valencia, 2015

Heimkehr in ein fremdes Land

Im Sommer 1956 fuhr ich mit meiner Schwester Heliane zu meinen Großeltern von Krefeld nach Güstrow. An die Eisenbahnfahrt erinnere ich mich nicht mehr, nicht an die Kontrollen, an keine Grenze, auch nicht an russische Soldaten oder Vopos. Vermutlich hatte uns eine Rotkreuzschwester unter ihre Fittiche genommen, uns sicher durch alle Kontrollen an der Zonengrenze geleitet.
Als wir in Güstrow ankamen, war ich wieder zu Hause. Und auch nicht.



Meine Großeltern



1953 waren wir aus der DDR geflohen. Drei Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines Vierzehnjährigen und jetzt kam mir alles fremd und grau vor. Meine Großeltern wohnten noch immer am Spaldingsplatz 10. Meine Großmutter ging noch gebeugter, war noch kleiner geworden, mein Großvater war unsicher auf den Beinen, seinem eigenen und dem Holzbein, seinem August. 

Tante Irmgard war Rot geworden, vertrat lautstark sozialistische Ideen, sah sich bei jeder ihr von der Partei vorgegebenen Feststellung triumphierend um, wie es so ihre Art war. Sie war nicht nur Parteimitglied, hatte auch eine offizielle Funktion, ich weiß nicht mehr welche, und sie versuchte, meinen Großvater zu missionieren. Er erwiderte selten etwas und wenn, dann lautstark, klopfte auch schon mal drohend mit seinem Stock auf den Tisch. Er wollte von der roten Brut nichts hören, rechnete seine Tochter wohl dazu, wollte nur seine Ruhe, wollte nicht mehr Nazi genannt werden, der er mit Sicherheit nie gewesen war.

Von meiner Schwester hörte ich nicht sehr viel in den folgenden Wochen. Unsere Cousine Christiane, Tante Irmgards Tochter, war im gleichen Alter. Die Beiden tauchten mit den Nachbarskindern im Garten ab und haben bestimmt nicht über Politik gestritten.

Meine Großmutter war sehr in sich gekehrt und manchmal kam es mir so vor, als sei sie tatsächlich nach Pommern zurückgegangen. Sie sprach wenig, auch selten genug mit mir, und wenn sie nicht in der Küche werkelte, saß sie am Fenster und blickte ins Nirgendwo.

Ich war mit meinem Großvater viel im Garten auf der Goldberger Chaussee. Er hatte Mühe mit seinem Holzbein dorthin zugelangen, aber er nahm es auf sich, wollte seine Ruhe haben. Er hatte immer Brot und fetten Speck oder Schmalz in einem Stoffbeutel dabei und wir blieben den ganzen Tag draußen – das heiße Augustwetter ließ es zu.

Auf dem Spaldingsplatz hatte ein großer Rummelplatz eröffnet. Mitten auf dem Platz stand ein Riesenrad und Buden mit Süßigkeiten. Da waren Jongleure und Akrobaten und an einer der Buden konnte man mit Luftgewehren schießen. Dann gab es noch eine kleine Achterbahn, bei der die Wagen während der Fahrt mit einem Verdeck abgedeckt werden konnten. Wie auf jedem Rummelplatz gab es auch eine Geisterbahn.
Manchmal gab mein Großvater mir etwas Geld und ich ging auf den Jahrmarkt, fuhr mit dem Riesenrad oder der Achterbahn. Und dort, neben der Achterbahn, traf ich Rita. Dunkle Haare, Pferdeschwanz, blaue Augen. Sie trug ihr blaues Pioniertuch, so wie ich damals, als wir zusammen bei den Höhlenforschern waren, wie die Arbeitsgruppe 'Altertum' genannt wurde. Sie erkannte mich zuerst nicht, sagte dann, so als erinnere sie sich nur mit Mühe an mich: »Ach du bist es.«

Es entwickelte sich eine eher verkrampfte Unterhaltung – wo lebst du jetzt – was machst du – in welcher Klasse bist du. Bis sie dann ganz dringend nach Hause musste. Immerhin schaffte ich es, mich für den nächsten Tag mit ihr auf dem Jahrmarkt zu verabreden.

Sie kam tatsächlich.
»Ihr seid damals ganz plötzlich verschwunden«, stellte sie nüchtern fest und ich konnte nur schuldbewusst mit dem Kopf nicken.
»Ja«, sagte ich und verriet auch sofort meine Eltern.»Meine Eltern haben mich mitgenommen.«
»Wir blieben hier. So schlecht ist es hier auch nicht. Und es wird immer besser. Wir haben viel Spaß bei den Pionieren«, sagte Rita.
»Willst du Achterbahn fahren?«, fragte ich. Sie sah die quietschende Bahn an, die kreischenden Jungen und Mädchen, die ab und zu das Verdeck hochklappten, um im Schutz der Dunkelheit zu knutschen.
»Ich weiß nicht. Eigentlich schon. Aber ich muss jetzt gehen. Ich muss zu einer Versammlung.«
»Morgen wieder?«
»Ich weiß nicht, vielleicht.«

Am nächsten Tag und auch am übernächsten kam sie nicht. Ich ging dann wieder mit meinem Großvater einen ganzen Tag zur Goldberger Chaussee, erzählte ihm von Rita. »Sie wird nicht kommen dürfen«, sagte mein Großvater. »Du bist jetzt so was wie ein Abtrünniger, einer der zum Klassenfeind übergelaufen ist.«

Sie kam dann doch und wir fuhren auch Achterbahn, klappten das Verdeck hoch und es kam zu etwas, was ich damals für den Gipfel der Intimität hielt, zu einer Art Kuss. Eher ein Wischen meiner Lippen über ihre Wange, als ein richtiger Kuss.

Ich wollte ihr dann unbedingt einen kleinen Teddy schießen, schoss aber immer daneben. Lächelnd nahm sie mir das Luftgewehr aus der Hand, zielte kurz und traf. Rot vor Scham gab ich ihr großherzig den Teddy, den sie selbst geschossen hatte.

»Wir schießen regelmäßig mit Luftgewehren in unserer Pioniergruppe«, sagte sie beinahe entschuldigend. »Ich habe schon einige Preise gewonnen.«
Wir trafen uns noch drei- oder viermal an der Achterbahn, klappten auch das Verdeck hoch und machten etwas, was man heute abwertend Blümchensex nennt.

Sie sagte dann, dass sie für die nächsten Wochen ins Pionierlager in die Ferien ginge, und dass sie nun nicht mehr kommen könne.
Drei Wochen später fuhr ich mit meiner Schwester wieder nach Hause. Mein Großvater gab dem Chef der Zugbegleiter ein paar Zigarren, damit er auf der Rückfahrt auf meine Schwester und mich aufpasste.

Jetzt, wo ich an Sommer 56 denke, geht mir etwas durch den Kopf, worüber ich bisher noch nie nachgedacht habe. Im Jahr 53 waren wir in den Westen geflüchtet, haben rieber jemacht. Trotzdem habe ich 56 mit meiner Schwester, also gerade mal drei Jahre, nachdem wir getürmt waren, meine Großeltern in Güstrow besuchen dürfen. Alle, die ich fragen könnte, wer damals die Genehmigungen beschafft hat, wie er es gemacht hat, sind tot. Ich weiß, dass wir nur eine Aufenthaltsgenehmigung für die Stadt Güstrow hatten, weil mein Großvater Fuchsteufels wild geworden ist, als ich, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, auf dem Fahrrad, mit meiner Schwester auf dem Gepäckträger, zu einem früheren Schulfreund in ein Dorf nahe Güstrow gefahren war.

So richtig eiskalt und unerträglich wurde der Kalte Krieg wohl doch erst später.
Von Rita habe ich nie wieder gehört. Vielleicht liest sie diese Zeilen. Wenn ja, melde Dich! Reden wir über die Höhlenforscher. Und über die Achterbahn.



Fakten zu Der Plan


DER PLAN   bei Amazon




Das Interview mit dem Vier-Sterne- General Wesley Clark a.D.


Zeitungsberichte zur Atomschmuggelaffäre Libyen

US-Spezialkommando sichert waffenfähiges Uran 

Schweiz: CIA-Razzia vertuschte Lieferung von Atomwaffenmaterial nach Libyen und Iran

Systematischer Atomschmuggel im Auftrag der CIA

CIA kauft Familie Tinner für 10 Millionen

Schweiz leistet der CIA Amtshilfe

Die Brüder und die Atomschmuggelaffäre 

Bericht über CIA-Mordkomplott entsetzt deutsche Politik

Fakten zu Der Maulwurf aus Moskau


Zu beziehen bei Amazon, Thalia, Weltbild und Hugendubel.


In mehreren Zeitungsberichten aus den Jahren 2011 und 2012, denen Untersuchungen des US-amerikanischen Senats zugrunde liegen, wird davor gewarnt, dass in Waffensystemen der US-Streitkräfte billige und nicht zuverlässige Chips verbaut werden. Dem Bericht zufolge steckt die Ramschware zum Teil in millionenschweren Waffensystemen unter anderem im Kampfhubschrauber AH-64 Apache, im Marine-Helikopter SH-60B Seahawk, in diversen Transportflugzeugen und sogar im Missionscomputer der Thaad-Rakete, einem wichtigen Bestandteil des US-Abwehrsystems gegen ballistische Atomraketen.
Der Report listet einige Beispiele im Detail auf:
Im Marine-Helikopter SH-60B fanden sich gefälschte Teile in Infrarot-Zielgeräten. Fallen sie aus, kann der Pilot in einem Gefecht seine Hellfire-Raketen nicht mehr einsetzen und bei Nacht keine Ziele mehr identifizieren oder Gefahren erkennen.
In Transportflugzeugen der Typen C-130J Hercules und C-27J Spartan sowie im Marine-Transporthubschrauber CH-46 Sea Knight wurden gefälschte Komponenten in Bildschirmen verbaut, die über den Zustand der Triebwerke, den Spritverbrauch und den aktuellen Standort informieren.
Der Hersteller der Chips, eine Firma im chinesischen Shenzhen, hat laut dem Senatsbericht rund 84.000 vermutlich gefälschte elektronische Bauteile an das Pentagon geliefert.
Ferner wird darauf hingewiesen, dass einzelne Chips so komplex sind, dass sie Hintertüren enthalten, die im Krisenfall zu manipulierten Abstürzen oder sonstigem Fehlverhalten führen können.
Der Senatsbericht, der ursprünglich vom Zeitungsartikel aufgerufen werden konnte, ist inzwischen gesperrt.
Weitere Artikel ganz anderer Art berichten, dass Kampfpiloten auf ihr kiloschweres Kartenmaterial in Papierform verzichten und stattdessen die in zivilen Bereichen beliebten iPads verwenden.
Sicherheitsexperten sehen das allerdings mit Unbehagen. Nicht nur, dass die Edel-Gadgets meist zu zerbrechlich für den militärischen Einsatz sind und die Software gerade dann abstürzen könnte, wenn sich der Anwender in Todesgefahr befindet. Sie könnten auch gehackt oder gestohlen werden und so militärische Geheimnisse verraten.
Angesichts der anfälligen Mobilfunk-Infrastruktur und des langsamen Fortschritts bei der Verschlüsselung könnten Benutzer- und Unternehmensdaten ernsthaften Risiken ausgesetzt sein, warnte etwa die Sicherheitsfirma McAfee. Erst im August meldete McAfee eine enorme Zunahme von Hacker-Angriffen auf Android-Smartphones.
Christopher Soghoian vom Center for Applied Cybersecurity Research an der Indiana University sprach gar von einer drohenden Katastrophe, sollte das Militär die kommerziellen Geräte auf breiter Front einsetzen. Es erscheint verrückt, eine Plattform zu benutzen, die Tausende Menschen zu knacken versuchen, sagte Soghoian der Los Angeles Times. Das Speichern von Daten auf Smartphones werde unweigerlich dazu führen, dass der Feind am Ende genau wisse, wo sich welche Truppen befinden.


Seit Jahren denkt die Schweizer Luftwaffe über die Anschaffung neuer Kampfflugzeuge nach. Es geht dabei um milliardenschwere Aufträge, sollten also Entscheidungen sein, die reiflich überlegt sind.
Anfangs war die Rede vom Flugzeug Gripen E des schwedischen Konzerns Saab.
Wie in der Schweiz üblich, werden weitreichende Gesetzesentwürfe dem Volk zu Entscheidung vorgelegt. Die Schweizerinnen und Schweizer bezeichnen diese Form der direkten Einbeziehung des Souveräns als einzige echte Demokratie in Europa.
Am 18. Mai 2014 lehnte das Schweizer Stimmvolk den Ankauf des Flugzeuges Gripen ab. Stimmvolk, das Wort klingt despektierlich, ist aber in der Schweiz die gängige Bezeichnung für alle wahlberechtigten Schweizer.
Mitentscheidend für die Ablehnung des Gesetzes waren Besonderheiten des Funksystems des Gripen E. Hatte man ursprünglich erwartete, das Funk- und Navigationssystem werde von Saab von einem Schweizer Hersteller zugekauft, stellte sich kurz vor Vertragsabschluss heraus, dass die Elektronik aus den USA bezogen werden sollte. Ferner - und das war einer der wesentlichen Punkte - sollten die Funksysteme von der NSA zertifiziert werden.
Findige Schweizer Journalisten hatten herausgefunden, dass über diese Hintertür eine Einflussnahme seitens der NSA möglich sein könnte. Die NSA, seit der Flucht des Whistleblowers Edward Snowden in aller Munde, sei in der Lage, jedes Bild, jede Form der Luftüberwachung, nicht nur an die Schweizer Luftüberwachung, sondern als Kopie in die Leitstellen der USA zu funken. Mehr noch, die NSA sei in der Lage zu entscheiden, ob die Flugzeuge überhaupt starten könnten, sie hätten die Maschinen am Boden lahmlegen können.
Ein Schweizer Regierungsmitglied wird sinngemäß mit dem Satz zitiert: Das macht doch nichts, schließlich befinden wir uns nicht im Kriegszustand mit dem USA.
Soweit dem Autor bekannt, ist die Entscheidung, mit welchem Flugzeug die Schweizer Luftwaffe fliegen wird, nach wie vor offen.

Lesen Sie hierzu einen kleinen Auszug Schweizer Medien.
Sie verstehen jetzt sicher besser, was ich im Prolog mit dem Satz meine - das Leben schreibt die besten Geschichten.


Berner Zeitung 30.3.2014


Tagesanzeiger 30.3.2014


NZZ 31.3.2014


20Minuten 30.3.2014


Watson Armee 30.3.2014