Mittwoch, 1. August 2018

Tödliche Wahrheit - Leseprobe

Damaskus ***
Der Zwischenfall in Damaskus war ein unglückliches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die einfach nicht zusammenpassten.
»Ein Kurier ist ausgefallen, liegt im Krankenhaus«, hatte Akke Salander gesagt, »ich muss dich um diesen Gefallen bitten. Liegt nicht auf deiner Linie, ich weiß. Ist eine äußerst dringende Angelegenheit.«
Jean Delong sträubte sich nicht groß, im Gegenteil. Mal eine Abwechselung, dachte er. Hinter ihm auf der Ladefläche lagen fünf Holzkisten, jede zwei Meter lang, 40 mal 60 Zentimeter im Durchmesser. Sehr stabile Behälter. Die großflächigen schwarzen Logos auf den Kisten erweckten den Anschein einer humanitären Hilfslieferung. Auf den Seiten des Lieferwagens prangte der Schriftzug MEDICO, eine NGO in Stockholm. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, der Fahrer wäre in einem humanitären Auftrag unterwegs.
Alles Bluff.
Die MEDICO in Stockholm hatte einen medizinischen Hintergrund, ähnlich wie Ärzte ohne Grenzen. Die SRA in Amman stand eher für das Gegenteil. Bei der MEDICO wusste man, dass die SRA ihren Namen als Deckmäntelchen benutzte und im Gegenzug revanchierte sich Ed Sullivan, der Boss der SRA in New York, mit großzügigen Spenden. Sollte jemand in Stockholm anrufen und fragen, ob der Fahrer des Wagens bei MEDICO auf der Gehaltsliste stand, dann wurde das bereitwillig bestätigt. Schon das Logo öffnete viele Türen, Grenzbäume schwenkten hoch, ohne genaue Pass- oder Fahrzeugkontrolle. Wie jetzt auch an der Grenze nach Syrien, als Jean dem Grenzbeamten seine Papiere zeigen wollte. Der winkte ab. Das Logo suggerierte, der Inhalt der Kisten habe etwas mit Medizin oder Pharmazie zu tun. Herzschrittmacher oder Abführpillen.
Jean wusste, was die Kisten enthielten. Wie Akke gesagt hatte, ein Sonderauftrag. Keine brisanten Informationen, Dokumente, Computerdateien auf CDs und USB-Sticks, wie sonst. Mal was anderes. Gut bezahlt wurde es auch. Außerdem – das kam als Anreiz noch oben drauf – war er schon lange nicht mehr in Damaskus gewesen, sicher fünf Jahre oder mehr. Eine wunderbare Stadt. Obwohl das, was einmal wunderbar an der Stadt war, was romantische Geister vielleicht noch immer an Tausendundeine Nacht erinnern mochte, im wahrsten Sinn des Wortes verraucht war. Inzwischen hörte man häufiger Explosionen, als Rufe des Muezzins von den Minaretts. Damals hatte nicht viel gefehlt, und er wäre geblieben. Die Frau, mit der er was hatte, wollte dann doch nicht dauerhaft mit ihm zusammen wohnen, ihm, einem Mann aus dem Abendland. Ihre Eltern waren erzkonservativ. Jetzt lebte er in Beirut, der Stadt, die man vor vielen Jahren Paris des Nahen Ostens genannt hatte. Auch nicht schlecht, auch wenn vom Pariser Flair schon viel abgeblättert war.

Jean fuhr zu der angegebenen Adresse in Damaskus, eine Autowerkstatt in einer Seitenstraße der Al Yarmouk. Die Azzubair Moschee war nicht weit. Sie garantierte den Anwohnern fünf mal täglich einen besonders lautstarken Ruf zum Gebet.
Er stieg aus, nahm seinen Rucksack vom Beifahrersitz und ging zu der eisernen Tür. Mit der flachen Hand schlug er dagegen und drückte die Klinke. Heftig quietschend schlug die schwere Metalltür auf. Dahinter standen mehrere Männer.
»Rocket-Man?«, sagte einer.
Jean nickte vorsichtig, war darauf vorbereitet, gleich eine Kalaschnikow oder Magnum am Kopf zu spüren. Unbegründete Befürchtung. Sie grinsten, klopften ihm heftig auf die Schultern, sagten immer wieder, shukraan liqudumik, und gemeinschaftlich luden sie die Kisten aus, trugen sie in die Werkstatt. Jean fragte nach einer Zange und einem Stemmeisen, hebelte die Metallbänder auf und öffnete die erste Kiste. Darin lagen keine Medikamente oder medizinische Geräte, eher das Gegenteil – ein graues Rohr mit Zieloptik und einem trompetenförmigen Ende, eine Stinger-Rakete, Sammelbegriff Manpad. Man packt sie auf die Schulter und schießt auf Flugzeuge, Panzer oder durch ein Fenster in Häuser. Akke hatte ihm warnend gesagt, die Empfänger wären vom Kalifat und auf diesem Umweg wollte man sie in die Hölle schicken. Die Männer grinsten freudig und sagten, jetzt müssten sie erst mal Tee trinken, schließlich hätte er lange im Auto gesessen.
»Tausche die Elektronik und verschwinde umgehend. Die Raketenwerfer werden per Fernzündung aktiviert«, hatte Akke ihm noch auf die Seele gebunden, als er den Motor schon gestartet hatte und losfahren wollte.
»Ich bin etwas in Eile, muss dringend zurück nach Beirut«, sagte Jean dann auch, Akkes Anweisungen getreulich befolgend. Nein, erwiderten sie, das ginge nicht, erst Tee trinken. Jean nickte ergeben.
Sie gingen durch einen langen dunklen Gang, öffneten eine Tür und Jean wusste sofort, dass die Männer nicht vom Kalifat waren. Dafür hatte er eine Nase, besonders, wenn wie in diesem Fall, die Dekoration etwas übertrieben wurde.
An der Wand standen über Eck zwei breite Sofas, davor ein niedriger Tisch mit vollen und angebrochenen Whiskyflaschen, Jack Daniel’s und Dalmore, als Krönung Chivas Regal. Araber haben keinen Grund, Tee in Whisky-Flaschen zu füllen, eher umgekehrt – Whisky in Teekannen. Auf den Sofas räkelten sich drei Mädchen in kurzen Röcken mit bis zum Bauchnabel ausgeschnittenen und nur von sparsamen Glitzerschnüren zusammengehaltenen engen Tops, wie man sie in westlichen Sexshops verkauft. Shops dieser Art gab es auch in Damaskus, Beziehungen vorausgesetzt. Aber Kämpfer des Kalifats gehörten garantiert nicht zur Stammkundschaft.
»Setz dich und trink mit uns, gleich gibt es was zu Essen, Lamm und Reis, du bist uns ein wichtiger Gast. Die Nacht verbringst du hier, das ist doch selbstverständlich.«
Dabei zeigte er auf die Mädchen und die kicherten. Was Jean endgültig die Laune verdarb, war der Umstand, dass die Männer untereinander Farsi sprachen. Er verstand kein Farsi, aber gut genug Arabisch, dass er den Unterschied heraushörte. Die Mädchen waren Nutten aus Damaskus, sie sprachen Arabisch.
Einer drückte ihm ein Glas in die Hand, füllte es.
»Eis?«, fragte er und Jean nickte. Mit einer Zange holte der Mann Eis aus einem Tonkrug. Jean schüttelte das Glas leicht und trank. Guter Whisky, wie das Etikett versprach.
Ein Mädchen klopfte mit der Hand auf den Platz neben sich und sagte auf Arabisch: »Setz dich zu mir.«
Jean setzte sich neben sie, und sie legte ihm einen Arm um den Hals, den anderen auf den Schoß und unter normalen Umständen wäre er begeistert gewesen. Die Raketen im Vorraum verhinderten jeglichen Enthusiasmus.
Er trank einen Schluck Whisky, zog das Mädchen an sich. Zwanzig war sie, keinen Tag älter, eher mehrere Monate jünger.
Das ging eine Weile so und Jean bemühte sich, nicht zu viel zu trinken. Er setzte öfter das Glas an die Lippen, trank aber nicht.
Einige Zeit später kam ein Mann herein, ein ganz anderer Typ, als das Empfangskomitee. Er begrüßte Jean per Handschlag auf westliche Art, mit Händedruck. Der Anzug und die randlose Brille waren ganz sicher nicht in Damaskus gekauft. Unter dem Arm hatte er eine schmale Aktenmappe geklemmt.
»Sprechen Sie Englisch?«, fragte er Jean und der wusste sofort, dass vor ihm ein ganz anderes Kaliber stand.
»Ja, natürlich«, sagte Jean.
»Sie wollen über Nacht bleiben, habe ich gehört?«
Der Fremde sprach nicht einfach Englisch, er hatte den typisch Londoner Akzent, für den man lange dort gelebt haben muss. Der Mann war definitiv geborener Engländer, aus London oder Manchester.
»Sie klingen britisch«, sagte Jean und der Mann grinste.
»Hört man das noch? Ist schon ein Weilchen her, ich betrachte das mal als Kompliment.«
In Jean regte sich höchste Alarmbereitschaft – die Männer sprachen Farsi, dazu die Mädchen auf dem Sofa, die ihn offenbar anmachen sollten, der Mann vor ihm mit der Aktenmappe, wie sie Londoner Börsenmakler unter dem Arm auf der Bond Street spazieren tragen.
»Was tun Sie hier?«, sagte Jean.
Der Mann sagte etwas in holperigen Farsi zu einem der Männer, wohl der Anführer. Der nickte, grinste, zeigte auf Jean und sagte nur ein Wort. Jean sprach nur zehn Brocken Farsi, aber das Wort verstand er. Nun gut, war er ab sofort ein Freund der Mullahs in Teheran.
»Ich habe lange in einem Forschungszentrum nicht weit von London gearbeitet. Man wollte mich nicht mehr, und jetzt bin ich hier.«
»An was haben Sie geforscht?«
Der Mann verzog verärgert das Gesicht.
»Don’t ask so curiously, my friend.«
Die Klappe sollte Jean halten – das meinte der Mann wohl.
»Ich sollte mich besser um mein Geschäft kümmern, bevor ich hier weiter mit euch trinke«, sagte Jean.
Er legte dem Mädchen beide Arme um den Hals, drückte es heftig an sich und flüsterte ihr auf Arabisch ins Ohr: »Nur ein paar Minuten.«
Er stand auf, zwei der Männer auch, und zusammen gingen sie in den großen Eingangsraum, wo die offenen Kisten mit den Raketen standen. Mit einem Spezialschraubenzieher öffnete Jean die seitliche Abdeckung an den Abschussrohren und nahm die Elektronik heraus. Ein Kasten, 15 mal 4 Zentimeter, gut einen Zentimeter dick, von der Größe einer Schachtel Havanna Zigarren. An jeder Rakete tauschte er den Kasten gegen einen anderen aus seinem Rucksack, aktivierte an den Schieberegistern die Elektronik.
»Ich muss zum Auto, was holen, komme gleich wieder«, sagte Jean und nahm seinen Rucksack vom Boden auf. Außer ihm war nur noch ein Mann im Vorraum.
Nein, erst trinken und man wollte sich mit ihm unterhalten, wer er sei, woher er käme. Es ginge um die nächsten Geschäfte. Außerdem warteten die Mädchen auf ihn.
»Bist du Amerikaner, woher kommst du?«
»Ich bin Deutscher, aber ich muss jetzt wirklich zum Auto, nur einen Moment, bin gleich zurück.«
Er zwinkerte ihm zu. »Die Mädchen sind hübsch. Kriege ich die mit den dunklen Haaren?«
Kompletter Blödsinn. Die Mädchen waren alle dunkelhaarig.
Er griff nach der Klinke der eisernen Tür, zog, rüttelte, sie war verschlossen.
»Jetzt müssen wir erst feiern«, sagte der Mann und hielt grinsend den Türschlüssel hoch. »Das bisschen Technik können wir auch Morgen erledigen, wenn dir jetzt zu sehr die Hände zittern.«
Jean gab sich fröhlich, lachte, sagte: »Na gut, dann eben später.«
Er ging auf ihn zu, als wollte er an ihm vorbeigehen. Dicht neben ihm rammte er ihm von der Seite den Schraubenzieher in die Hüfte, dass der Mann wimmernd in die Knie ging. Jean hörte die anderen Männer nebenan reden und lachen. Der Mann lag auf dem Boden und krümmte sich, neben ihm der Schlüssel. Jean hob den Schlüssel auf, hastete zur Tür, schloss auf und pfefferte die Tür hinter sich zu. Suchend sah er sich um. Sein Lieferwagen stand zwanzig Meter weiter eingekeilt zwischen anderen Fahrzeugen. Musste er eben den Wagen stehenlassen und auf anderem Weg zurück nach Amman. Eilig ging er die Straße hinunter, als hinter ihm die Bomben hochgingen und eine gewaltige Stichflamme aus der Werkstatt auf die Straße schoss. Der Zugang zur Werkstatt, das eiserne Tor, flog durch die Luft und drehte sich auf einer Kante wie ein Brummkreisel. Was er dann noch registrierte, wenn auch nur im Unterbewusstsein, dass es fünf Explosionen waren, die um den Bruchteil einer Sekunde zeitverzögert zündeten.


Tödliche Wahrheit - In eigener Sache

In eigener Sache ***
An dieser Stelle werde ich immer von starken Selbstzweifeln befallen, denn ich muss schreiben, dass dieses Buch ein Roman ist. Das stimmt auch, zumindest was die Personen angeht. Es gibt keinen Ed Sullivan, Akke Salander, keinen Pakistani mit Namen Salih und auch die anderen Personen existieren nicht. Bei Sheikh Turki hingegen gerate ich ins Stocken und bei Jean Delong entdecke ich ein paar Muster, die mir sehr vertraut sind. Es ist eine gefährliche Sache mit der Fantasie. Manchmal geht sie mit mir durch, und dann schreibe ich die Wahrheit.
Ich war viele Jahre im Nahen Osten und in Nordafrika unterwegs. In Riad, Dschidda und Yanbu habe ich Hospitäler mit Computern und Software ausgestattet, damals in Zusammenarbeit mit einem Briten aus London, den ich der Kürze halber Garry nennen möchte. Wir hatten mit der Royal Commission zu tun, ein ausschließlich aus US-Amerikanern zusammengesetztes Beratergremium des saudischen Königs. Damals wie heute wird in KSA keine Schraube bestellt und installiert, die nicht von diesem Gremium abgesegnet ist. In Dschidda lernte ich Turki kennen, der sich gerne Sheikh nennen ließ. Er führte mich in die Royal Commission ein, und ohne ihn hätte ich nichts verkauft. Turki wurde mein Sponsor, mein Kafala.
Turki hatte eine hübsche, lebenslustige Tochter, die sich, versteckt unter einer Decke auf dem Rücksitz meines Autos, Zugang zu einem britischen Compound mit Restaurant, Kino und Bowlingbahn verschaffte, um ein wenig Abwechslung vom strengen Leben einer Frau im Königreich Saudi Arabien zu haben. Sie hatte in London und Paris studiert und wusste, wie sich das Leben jenseits der hohen moslemischen Mauern anfühlte. Vereinfacht gesagt – ihr fiel die saudische Decke auf den Kopf. Natürlich war sie bei ihren Ausflügen unverschleiert und ihre Kleidung hatte sie in den gehobenen Modeboutiquen von Paris erstanden.
Sheikh Turki und seiner Frau Nour verdanke ich tiefe Einblicke in die saudische Gesellschaft, die dem normalen Geschäftsreisenden verborgen bleiben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne den engen Kontakt zu Turki und seiner Familie wären meine Reisen nach Dschidda nicht so einträglich und auch weniger unterhaltsam gewesen. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich die eine oder andere Reise nach Dschidda ohne zwingende geschäftliche Notwendigkeit unternommen habe. Es waren aufregende Urlaubsreisen. Die abendlichen Treffen zum Dinner in Turkis Haus, nicht weit vom Roten Meer, und die vielen Gespräche mit seinen saudischen Freunden und den illustren ausländischen Gästen, waren so ganz anders als das, was man sich in Deutschland unter einem Dinner vorstellt.
Saudi Arabien hat zwei Seiten – das offizielle vom Koran reglementierte Leben und das inoffizielle Leben in den Familien und Clans.
Zu einem besonders tiefen Einblick in die saudische Denkweise bekam ich Gelegenheit, als ich in der Innenstadt von Dschidda ein altes Haus aus Lehmbacksteinen fotografieren wollte. Ich hatte übersehen, dass neben dem Haus mehrere tief verschleierte Frauen auf den Bus warteten. Ein neben mir stehender Saudi glaubte, ich hätte die Frauen fotografiert und rief die Polizei. Keine fünfzehn Minuten später saß ich in einem saudischen Gefängnis. Turki, mein Kafala, hat mich rausgeholt. Es war knapp. Wie knapp, wurde mir erst hinterher so richtig bewusst.
Ich gebe allerdings zu, dass auch die in Saudia lebenden Ausländer Sonderlinge waren, zumindest in der Weise, dass sie ihre Heimatländer innerlich verlassen hatten, aber in Saudia oder Syrien nicht angekommen waren. Sie waren – könnte man so sagen – heimatlos. Kurt war so ein Sonderling, er stammte aus Köln. Er lebte in einem Wohnwagen, den er während der Woche an der Außenmauer eines abgegrenzten Areals, Compound genannt, abgestellt hatte. Mit seinem Wohnwagen waren wir beweglich und konnten weitab der wachsamen Augen der Religionspolizei so bekleidet baden und tauchen, wie wir es für richtig hielten.
Dann war da noch Joseph, Libanese mit britischem Pass, der für eine norwegische Firma Feuerlöschfahrzeuge verkaufte. Er hatte gut zu tun, denn es brennt oft in Saudia. Als einer der wenigen Ausländer hatte er seine britische Frau mitgebracht. Sie lebten in einem Compound, und er war es, der Kurts Wohnwagen mit einem Kabel über die Mauer mit Strom versorgte.
Garry lebte mit seiner Frau Ruth in Riad. Mit Garry war ich häufig in Saudia unterwegs, immer der Royal Commission auf den Fersen, oder sie uns. Garry belieferte die Hospitäler mit Computern der mittleren Datentechnik von Hewlett and Packard, ich war für die Software zuständig. Garry’s Frau Ruth war Krankenschwester am King Faisal Hospital in Riad, und ohne ihre beratende Unterstützung hätten meine Programme niemals den Weg ins Rechenzentrum der Hospitäler gefunden, denn die Geschlechtertrennung gilt auch in den Computern. Nicht auszudenken was geschehen könnte, wenn ein saudischer Mann und eine saudische Frau sich, verschlüsselt in Bits und Bytes, vielleicht sogar noch unverheiratet, in einem Rechner begegneten.
Ruth hatte über die Organisation eines Krankenhauses weit hinausgehende Fähigkeiten – sie war zuständig für die private Bierbrauerei und die Destillation des Fusels. Was zur Folge hatte, dass ich meistens bei Ruth und Garry auf dem Sofa schlief, wenn ich in Riad war. Neben Antibabypillen für saudische Frauen hatte ich auch die Utensilien für Mini-Bierbrauerei im Handgepäck, wenn ich die Einreisekontrolle in Dschidda oder Riad passierte. Pulver und Pellets für das Bier in Papiertüten, die nach dem Aufdruck vormals Zucker oder Mehl enthielten, die Antibabypillen in Schachteln mit dem Aufdruck Kopfschmerztabletten oder Hustenbonbons.
Das Leben in Beirut, Amman und Damaskus war ganz anders. Damaskus war eine weltoffene Stadt. Ich habe damals Frauen in Röcken erlebt, mit denen sie auch wegen ihrer Kürze in Düsseldorf auf der Königsallee aufgefallen wären. Beirut nannte man nicht ohne Grund Paris des Nahen Ostens. Ich will nicht behaupten, die Menschen lebten in Demokratien nach unseren Vorstellungen, aber sie lebten frei und ungezwungen, mussten sich lediglich politisch an einige Regeln halten, die auch in westlich orientierten Ländern nicht gänzlich unbekannt sind. Heute versinken diese Länder in Schutt und Asche. Ich bin überzeugt, die Menschen dort haben sich Demokratie ganz anders vorgestellt, als in Tunesien der Arabische Frühling ausbrach.
Abgesehen von solchen Erlebnissen ist das Königreich Saudi Arabien ein gespaltenes Land, und daran wird auch der junge Kronprinz Mohammed bin Salman al-Saud so schnell nichts ändern. Er müsste die Köpfe der Menschen reformieren und das braucht Generationen. Dagegen steht auch die Geopolitik der USA, die sich – zumindest was Saudi Arabien und einige andere arabische Staaten betrifft – nicht am Wohl der Menschen, sondern ausschließlich an eigenen Interessen orientiert. America First ist keine Erfindung des derzeitigen Präsidenten, das Paradigma galt auch für die Präsidenten vor ihm. Saudi Arabien steht auf der Beliebtheitsskala der USA mit an oberster Stelle, gleichgültig, wie Frauen behandelt werden, wie Fremdarbeiter von den Philippinen, Indien oder Bangladesch leben müssen,  mit welcher Härte und wie oft die Todesstrafe vollstreckt wird.
Ein weiterer zwingender Grund für die engen Verbindungen Saudias mit den USA, dürften die engen Verflechtungen der reichen saudischen Familien und des Königshauses mit US-Firmen sein, die unter dem Strich etwa 6 bis 7 Prozent des Börsenwertes der Wall Street ausmachen sollen. Hinzu kommt etwa eine Billion US-Dollar saudisches Guthaben bei den US-Banken. Nicht auszudenken, diese Familien würden ihre Aktien abstoßen, ihre Guthaben abziehen. Eine dieser Familien ist die bin-Laden-Familie, die zweitreichste Familie des saudischen Königreiches. Wenn jetzt jemand an Al Qaida und 9/11 denkt – tut mir leid, ich habe die Fakten nicht zu verantworten. Warten wir auf die vollständige Veröffentlichung der ominösen 28 Seiten des Berichts der 9/11-Kommission. Man hört, sie stehe kurz bevor. Diese bisher immer noch geschwärzten Seiten des Berichts der unabhängigen Kommission des Kongresses beschäftigen sich weitgehend mit den Verbindungen Saudi Arabiens einerseits und den USA und der Familie Bush andererseits.
An dieser Stelle verweise ich auf den Film Fahrenheit 9/11 von Michael Moore, dem ich wertvolle Hinweise entnommen habe. Unter anderem den Wert der saudischen Investitionen in den USA, wie auch die engen Verbindungen des Bush-Clans mit KSA und der Familie bin Laden. Über drei Jahrzehnte hat nach Michael Moore die Bush-Familie etwa 1,4 Milliarden US-Dollar für Beraterverträge kassiert. Der Film ist eine Dokumentation und wenn man ihn gesehen hat, versteht man sofort, weshalb Michael Moore bei den Reichen und Mächtigen der USA so unbeliebt ist. Michael Moore weiß, wovon er redet, und aus gutem Grund hat er für einen seiner Filme einen Oscar bekommen.
Der amtierende Präsident der USA Donald Trump wie auch seine Vorgänger George W. Bush und Barack Obama machen es mir schwer, hinter den Handlungen der US-Militärs im Nahen Osten, den Bomben und False-Flag-Operationen, positive Absichten für die dort lebenden Menschen zu erkennen.
Valencia Juli 2018

Freitag, 1. Juni 2018

Der Spanische Bürgerkrieg - der Exodus der Kinder

Das Schlimmste, was einem Land widerfahren kann, ist ein Bürgerkrieg. Die Front geht quer durch das Land, Väter schießen auf Söhne, der Bruder auf den Bruder. Ein Bürgerkrieg endet nie.
Der spanische Bürgerkrieg nahm seinen Anfang 1936 unter General Franco mit einer Revolte der Truppen in Spanisch-Marokko. Die Kämpfe breiteten sich bald über das gesamte Mutterland aus und ganze Regionen entschieden sich für die Falange oder Republikaner. Der Osten Spaniens mit den Städten Valencia, Tarragona und Barcelona hatte sich gegen Franco auf die Seite der Republikaner geschlagen. Valencia war Sitz der letzten demokratisch gewählten Regierung.


Hinter den Barrikaden: Regierungsanhänger verschanzen sich im September 1936 vor den faschistischen Rebellen in Toledo.

Deutschland unterstützte Franco mit der Legion Condor, die überwiegend Luftwaffeneinheiten stellte. Die deutschen Soldaten trugen keine Uniformen und ihre Existenz auf spanischem Boden wurde bis zum Ende des Krieges 1939 von deutscher Seite bestritten. Italienische Truppen kämpften ebenfalls auf Seiten der Falange. Die Sowjetunion kämpfte auf der Seite der Republikaner und unterstütze sie mit schweren Waffen, Panzern, Geschützen und rund 2000 Soldaten. Dazu kamen die internationalen Brigaden auf der Seite der Republikaner. Ernest Hemingway hat die Kämpfe in seinen autobiografisch gefärbten Romanen eindrucksvoll beschrieben.Als sich der Sieg Francos abzeichnete, evakuierten viele spanische Familien ihre Kinder aus Angst vor der Rache der Sieger. In den Zeiten des gemeinsamen Kampfes hatten sich persönliche Bindungen zwischen Russen und Spaniern entwickelt, und von etwa 34.000 Kindern kamen 3.500 in die Sowjetunion.
Die nach Frankreich, Schweden oder Dänemark evakuierten Kinder, kehrten bald nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurück. Viele gelangten in die spanisch sprechenden Länder Mittel- und Südamerikas und fanden dort eine neue Heimat. Auch bei den Kindern in der UdSSR ging man von einer zeitlich begrenzten Trennung aus. Es sollte eine sehr lange Trennung werden und für viele wurde es eine Reise ohne Wiederkehr.
Mit dem Ende des Bürgerkrieges nahmen die Faschisten grausame Rache und das ist mit ein Grund, weshalb der Krieg in den Köpfen auch heute, im Jahr 2015, noch nicht zu Ende ist. Die genaue Zahl der Ermordeten ist umstritten. Schätzungen besagen, dass etwa hunderttausend Menschen nach Kriegsende umgebracht wurden. Teilweise waren es improvisierte Kriegsgerichte, die für Legitimation sorgen sollten. Zum großen Teil wurden die Menschen auf offener Straße erschossen. Oft reichte eine Anzeige des Nachbarn und viele Immobilien haben auf diese Weise den Besitzer gewechselt.
In Spanien hatte man die Kinder nicht vergessen. Aber mit Ende des zweiten Weltkrieges begann der Kalte Krieg und humanitäre Vereinigungen hatten kaum Möglichkeiten, sich um die Kinder in der UdSSR zu kümmern. Aus damaliger Sicht hatte man Wichtigeres zu tun und Franco, unangefochtener Diktator Spaniens, hatte kein Interesse an den Nachkommen seiner ehemaligen Gegner.

Ich lernte Elena (Name geändert) vor einigen Jahren hier in Valencia kennen, sie hatte gerade ihren 79. Geburtstag gefeiert.
Elena wurde 1934 in Valencia geboren und war viereinhalb Jahre alt, als sie kurz vor Kriegsende mit ihrer Schwester Conchita Spanien per Schiff über Genua verließ und nach Leningrad gelangte. Elena lernte Russisch, ging in Leningrad zur Schule, trug das rote Pionierhalstuch und wurde mit vierzehn Komsomol. Sie verliebte sich in einen jungen Russen, heiratete und bekam drei Kinder. Ihr Leben plätscherte so dahin, ein karges, russisches Leben. Erst zur Zeit Breschnjevs besserte sich die Versorgungslage in der Sowjetunion und auch Elena und ihrer Familie ging es besser.
Elena hatte ihre spanischen Wurzeln nie vergessen und 1992 übersiedelte sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern nach Valencia, ihre alte Heimat. Ihr Sohn, inzwischen mit einer Russin verheiratet, ist in Moskau geblieben.
Die jahrelange Präsenz russischer Soldaten hat Spuren hinterlassen – man hat gute Erinnerungen an die Russen. In der Provinz Valencia leben heute etwa fünfunddreißigtausend Russen. Größtenteils sind sie legal eingewandert. Nicht wenige kamen in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Touristen ins Land, haben Spanisch gelernt und sind geblieben. Die Behörden tolerieren sie, und nach drei bis vier Jahren erhalten sie problemlos eine Tarjeta Residencia. Die Stadtverwaltung bietet ihnen kostenlose Sprachkurse und Russisch sprechende Rechtsanwälte unterstützen auch die Illegalen.
Heute findet ein Exodus in entgegengesetzter Richtung statt. Die Kinderheime in Russland, Kasachstan und der Ukraine sind überfüllt, und viele spanische Ehepaare haben Kinder aus diesen Ländern adoptiert. Die spanischen Adoptiveltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder die Bindung an ihre Heimat nicht verlieren. Zumeist sind sie im Alter von drei bis sechs Jahren nach Spanien gelangt und oft sprechen sie nur wenig Russisch. In Valencia gibt es den Club Volga. Zu den orthodoxen Feiertagen wird nach den Bräuchen der alten Heimat gefeiert. Der Club bietet Sprachkurse für russische Kinder, sie sollen ihre Muttersprache nicht vergessen.
Auf der Weihnachtsfeier Ende 2010 im Club Volga habe ich zum ersten Mal Katja getroffen. Katja war Weihnachten vier Jahre alt, gerade in dem Alter, in dem Elena vor über siebzig Jahren nach Leningrad kam. Sie kommt aus einem Kinderheim in Kasachstan und lernt im Club Volga Russisch, aber das macht ihr im Moment noch nicht so richtig Spaß. Jetzt besucht auch ihre Adoptivmutter einen russischen Sprachkurs und vielleicht können sich Mutter und Tochter bald auf Russisch unterhalten.
Elena hat ihre Mutter nie wiedergesehen. Sie hat mich gebeten, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist kein leichtes Thema, aber ich werde es aufschreiben. An vielen Stellen muss ich zum Schutz einiger Beteiligter Fantasie walten lassen, denn die Wahrheit ist ein empfindliches Pflänzchen.
Valencia, Weihnachten 2011

Passend dazu - Geliebte Mörderin



und




 Folklorefestival in Valencia auf der Plaza de la Virgen 







Weihnachten 2010 im Club Volga Russische Kinder, die von spanischen
Eltern  adoptiert wurden  

 



 Meine Frau Galina ist gebürtige Russin
aus Perm am Ural. Hier ist sie mit Katja abgebildet




   Elena, kurz bevor sie in die 
Sowjetunion evakuiert wurde

Sonntag, 6. Mai 2018

in eigener Sache

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EMBARGO - und was dahinter steckt.


EMBARGO ist eine fiktive Geschichte vor realem Hintergrund. Es ist auch eine Ergänzung meines autobiografischen Romans TARHUNA, entstanden 1996/97 im Gefängnis. Aus verständlichen Gründen habe ich es damals vorgezogen, einige Fakten für mich zu behalten. Die habe ich jetzt nachgetragen.

Der zu Beginn geschilderte Angriff der CIA 1982 auf die sowjetischen Gasfelder in Sibirien ist nach einer Meldung der Washington Post im Jahre 2004 real. Ein früherer Mitarbeiter der US-Air-Force, sein Name wird mit Thomas C. Reed angegeben, hat vor einigen Jahren in seiner Autobiografie bestätigt, an dem Anschlag mitgewirkt zu haben. Der Angriff sei auf persönliche Initiative des damaligen Präsidenten Ronald Reagan erfolgt.

Realität ist auch, dass man mich beauftragen wollte, elektronische Bauteile für die Pumpen auf den Ölfeldern nach Libyen zu liefern. Dazu kam es nicht mehr, weil ich rechtzeitig – heute sehe ich es so – im Gefängnis landete. Was auch dazu gehört – nach einigen Wochen habe ich die U-Haft als Schutzhaft empfunden, wenn auch eine schmerzhafte Variante.

Nach dem Prozess im Oktober 1997 war eine Auflage des Gerichts, nie wieder nach Libyen oder Damaskus zu reisen. Daran habe ich mich nicht gehalten. In den Jahren von 2002 bis 2006 war ich mehrmals in Libyen und Syrien. Der Orient lässt mich nicht los, auch heute nicht.

Den hier geschilderten Bombenangriff auf Tripolis hat es nicht gegeben, dafür genügend andere. Wer das bezweifelt, sei an den Beginn der Bombardierung Libyens am 19. März 2011 erinnert. Die für diesen Krieg Verantwortlichen haben das Bombardement immer wieder als Befreiung der Libyer von dem Diktator Gaddafi bezeichnet. Ich versichere Ihnen, die Libyer sehen das mehrheitlich anders. Weshalb sollten sie getötete Zivilisten, unzählige tote und verkrüppelte Kinder, Frauen und alte Menschen und ihre völlig destabilisierte Heimat als Befreiung sehen.

Wikipedia sagt über den Krieg lapidar:
Internationaler Militäreinsatz
Datum: 19. März bis 31. Oktober 2011
Ort: Libyen
Casus Belli: UNO-Resolution 1973
Ausgang: Sieg der Rebellen im Bürgerkrieg
Folgen: Sturz des Regimes von Muammar al-Gaddafi, Machtübernahme durch den Nationalen Übergangsrat, anschließend Bürgerkrieg.

Muammar al-Gaddafi wurde am 20. Oktober 2011 ermordet. Wer für die Tat verantwortlich ist, wurde bis heute nicht geklärt, absichtlich behaupte ich. Es ist bedauerlich, dass es zu keiner Gerichtsverhandlung gekommen ist. Von einem bin ich überzeugt – niemand der damaligen Teilnehmer des Krieges war an einer rechtsstaatlichen und ergebnisoffenen Gerichtsverhandlung interessiert.
Gaddafi war viele Jahre im Westen wohlgelitten, weil er die Arbeit erledigt hat, an der sich die USA die Finger nicht schmutzig machen wollten. Bereits damals gab es in Folge des al-Qaida den aufkeimenden IS. Auf libyschem Territorium in der Sahara gab es Gefängnisse für Terroristen, die finanziert und auf Initiative der CIA gebaut und betrieben wurden. Parallelen zu Mubarak (Ägypten) und Saddam Hussein (Irak) sind unübersehbar. Bei Saddam Hussein kommt noch hinzu, dass in seine Amtszeit der erste Golf-Krieg vom 22.9.1980 bis 20.8.1988 fällt. Der Krieg richtete sich gegen die Mullahs im Iran, erdulden musste ihn die iranische und irakische Bevölkerung. In diesem Krieg kam auch Giftgas zum Einsatz. Zur Frage, woher die Munition kam, wer sie hergestellt und geliefert hat, gibt es wenig Antworten, umso mehr Schweigen. Schlimmer noch, niemand wagt, danach zu fragen. Wen wundert’s, dass die UN-Inspektoren nach dem dritten Golf Krieg vom 20. März 2003 bis 2. Mai 2003 die Giftgasmunition nicht gefunden haben, die als Alibi für den Überfall auf den Irak herhalten musste. Wer weiß, was für ein Absender auf den Geschosshülsen gestanden hat, denn Giftgas wie Sarin hat eine Art Fingerabdruck. Man kann den Ursprungsort einigermaßen sicher feststellen.
Geblieben sind uns Bilder, auf denen der damalige US-Verteidigungsminister Dick Cheney Saddam Hussein freudestrahlend die Hand schüttelt. Wie es auch viele Fotos gibt, auf denen westliche Politiker, auch deutsche, Gaddafi die Hand schütteln. Keiner der Händeschüttler will heute daran erinnert werden. Das gilt sicher auch für das Foto – sollte es eins geben – auf dem der ehemalige Außenminister Joschka Fischer sich bei Gaddafi dafür bedankte, dass er mit Zahlung von 25 Millionen US-Dollar die Freilassung der deutschen Geiseln aus den Händen der philippinischen Entführer bewirkt hatte. Der Minister war am 12. September 2000 nach Tripolis gereist, um den Dank der Deutschen Regierung zu überbringen. Finnlands Außenminister Erkki Tuomioja (es befanden sich auch Finnen unter den Entführten) sprach von einem weiteren Beispiel für die humanitäre Hilfe, die Libyen bereits in der Vergangenheit bei der Beendigung ähnlicher menschlicher Tragödien geleistet habe.
Man mag Gaddafi Größenwahn unterstellen. Allerdings befindet er sich damit – nach meiner Meinung – in bester Gesellschaft, nämlich der einiger westlicher Staatenlenker. Tatsache bleibt, dass er nicht nur im eigenen Land, sondern auch in vielen afrikanischen Ländern als Wohltäter gesehen wurde. Libyen hat unter seiner Präsidentschaft Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen in Westafrika finanziert. Das gilt auch für einige Satellitenprojekte. Das Great-Man-Made-River-Projekt hat die Großstädte Libyens mit Trinkwasser versorgt, das habe ich noch erlebt. Es sollte später die angrenzenden Länder des Sahel mit Wasser versorgen. Dazu kam es nicht mehr.
Als das Apartheid-Regime in Südafrika von den westlichen Staaten noch hofiert wurde, hat Gaddafi Nelson Mandela und den ANC militärisch und finanziell unterstützt. Als Gaddafi in Ungnade fiel und es für westliche Politiker nicht mehr opportun schien, ihm die Hand zu schütteln, reiste Nelson Mandela 1997 trotz aller Verbote und UN-Resolutionen nach Tripolis, und beschwor seine Freundschaft mit Gaddafi. Diese Reise hat Nelson Mandela viel Kritik eingetragen, aber er ließ sich nicht beirren. Er erklärte in mehreren Interviews mit amerikanischen Zeitungen, ohne Gaddafi gäbe es noch immer das Apartheid-Regime.
Negative Auswirkungen auf den US-Dollar hätte der von Libyen geplante Gold Dinar gehabt. Diese neue rein afrikanische Währung, sollte durch libysches Gold gedeckt sein, und auf dieser Basis sollte der Öl- und Rohstoffexport mehrerer afrikanische Ländern abwickelt werden, nicht mehr auf Basis des US-Dollars.
Gaddafi ist tot, Libyen ist ein Trümmerhaufen und daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Das libysche Öl fließt spärlich, in welche Taschen die Gewinne fließen, entzieht sich meiner Kenntnis. Die medizinische Versorgung, früher kostenlos, kostet auch heute nichts, denn sie existiert nicht mehr. Wie auch die Schulen und Universitäten immer noch kostenlos sind, denn sie sind weitgehend geschlossen.
Libyen hat unter Gaddafi aus den Ölverkäufen große Vermögen erwirtschaftet. Das Geld liegt auf US-amerikanischen Banken und ist größtenteils bis heute blockiert. Gaddafis Familie sagt man ein Auslandsguthaben von etwa 100 Milliarden US-Dollar nach. Nehmen wir mal an, er hat sich tatsächlich zulasten des libyschen Volkes bereichert und sein einfaches Beduinenleben in einem Zelt war nur Maskerade, dann stände das Geld der libyschen Bevölkerung zu. Tatsächlich ist das Geld, woher auch immer es stammt, bis heute verschwunden. Man stellt wilde Vermutungen an, der ehemalige Finanzverwalter Gaddafis hätte das Geld gestohlen. Rund 100 Milliarden an den Banken vorbei in einem dicken Sparstrumpf in einer Schubkarre?
Man mag Gaddafi für einen Diktator halten, der für viele Morde verantwortlich war. Tatsache bleibt aber, dass jeder US-Drohnenangriff auf der ganzen Welt vom US-Präsidenten abgesegnet werden muss. Präsident Obama sagt man nach, er habe persönlich an der Auswahl der Ziele mitgewirkt. Wenn bei so einem Angriff unbeteiligte Zivilpersonen getötet werden, dann geschieht das mit Billigung und Unterschrift des US-Präsidenten. Ein Gerichtsverfahren gegen Obama ist wohl nicht zu erwarten. Im Gegenteil, man schmückte Obama bereits vor seinem regulären Amtsantritt mit dem Friedensnobelpreis, den er auch tatsächlich annahm.
Hätte er ihn abgelehnt und gesagt – lasst uns doch erst mal abwarten, wie sich das alles entwickelt – ich hätte große Achtung für ihn empfunden.
Valencia, Februar 2018
 

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Mittwoch, 9. März 2016

Afrika - mein Traum



























T/S Susanne Fritzen, Heimathafen Bremen



Afrika - diesen Traum hat mir mein Großvater eingepflanzt. Er hat mir die Bücher über ferne Länder beschafft, hat sie in seinem August, wie er sein Holzbein nannte, von West nach Ost geschmuggelt, denn in der DDR waren sie verboten. Trotz aller Risiken hat er es auf sich genommen, mich mit dem zu versorgen, was nach seiner Ansicht ein Junge von gerade sieben oder acht Jahren unbedingt lesen musste.
Als meine Eltern 1953 beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren, war ich begeistert, denn ich glaubte, das wäre der erste Schritt zur Realisierung meiner Träume.

Und mein Großvater? Er war schon ein verrückter Kerl. Später im Westen ließ er es sich nicht nehmen, wieder Bücher zu schmuggeln, von Ost nach West, denn in Westdeutschland waren viele Bücher aus Russland nicht erwünscht. Er hätte sie trotzdem nicht in seinem Holzbein verstecken müssen, es war wohl die Macht der Gewohnheit.















Es sollte noch ein paar Jahre dauern. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag heuerte ich auf der M/S San Juan Trader als Schiffsjunge an und fuhr nach Mittel- und Südamerika. Auf der Höhe von Peru ließ ich die Äquatortaufe über mich ergehen. 
 




























M/S San Juan Trader, Heimathafen Monrovia (Hauptstadt von Liberia, Westafrika)


Einige Monate später heuerte ich auf der T/S Susanne Fritzen an. Inzwischen war ich siebzehn und gerade zum Leichtmatrosen befördert.
Seit Tagen begleiteten uns Möwen, ein untrügliches Zeichen, dass die Küste nicht weit ist. Ich hatte bis 4 Uhr früh als Rudergänger auf der Brücke gestanden. An Backbord sah ich die verschwommenen Umrisse der afrikanischen Küste.
Ich ging hinunter in meine Kammer und haute mich in die Koje, duselte weg in einen unruhigen Halbschlaf. Gegen acht wummerte es gegen die Tür - der Bootsmann. Ich hatte Dienst in der Messe, Frühstück aus der Kombüse ranschaffen, die Maschinen- und Decksmannschaft kam zu ihrer ersten Pause.
Etwas war anders und erst wusste ich nicht, was es war. Dann begriff ich - das gleichmäßige Stampfen der Maschine und das sanfte Schaukeln in der langen Dünung des Atlantiks fehlten.
Ich kletterte aus der Koje, zog meine Hose an, hastete an Deck. Auf Steuerbord sah ich eine schmale Landzunge mit Kränen, Lagerschuppen und niedrigen Häusern, dazwischen dunkelhäutige Menschen, Hafenarbeiter. Und immer wieder Palmen. Ein schmaler Wasserarm trennte die Halbinsel vom Festland, dicht bewachsen von dunkelgrünem Urwald. Wir lagen im Hafen von Lobito in Angola, damals noch unter portugiesischer Herrschaft.
Ich war angekommen.
Juni 1959



 Das ist der moderne Hafen von Lobito.  


 




 Mit der MS Falkenstein fuhr ich über Port Aden nach Singapur, Shanghai, Tsingtao und Dalian (oder Dairen), dem früheren Port Arthur. Das war vor Mao Tse-tungs Kulturrevolution. 






Als Matrose fuhr ich auf der MS Hildegard Doerenkamp, wieder nach Mittelamerika. In Nicaragua bin ich eine Weile hängen
geblieben, aber das ist eine andere Geschichte.


Montag, 31. August 2015

1945 - eine kleine Stadt in Deutschland


























30. Januar 1945
Jede Nacht, seit einer Woche, beobachteten die Einwohner der kleinen Stadt die flackernden Lichter über dem Horizont. Die Erscheinungen hätten Wetterleuchten oder ferne Gewitter sein können, wenn sie nicht in östlicher Richtung zu sehen gewesen wären.
Jetzt war das Flackern stärker als jedes Wetterleuchten, die gelb und orangefarbenen Blitze der explodierenden Artilleriegranaten und die Flugbahnen der Leuchtspurmunition waren deutlich zu erkennen. Seit letzter Nacht konnte man auch das dumpf drohende Grollen der Granateinschläge und das grelle Pfeifen der Stalinorgeln hören.  Seit Tagen und Wochen waren verwundete Soldaten in endlosen traurigen Kolonnen durch die Stadt gezogen, zu Fuß oder in Sanitätsfahrzeugen. Leichtverletzte zogen Schwerverletzte auf Handkarren hinter sich her. Sie klopften an die Türen und fragten nach Wasser oder etwas Essbarem.
Plötzlich war der Spuk dieses Elendstrecks verwundeter Soldaten zu Ende. Voller Hoffnung glaubten die Menschen, die deutsche Front hätte Stand gehalten, bis bekannt wurde, es gäbe keine deutsche Front mehr. Die kläglichen Reste der deutschen Soldaten seien eingeschlossen und würden von den Russen gnadenlos vernichtet. Es befand sich kein Hindernis mehr zwischen den Russen und der Stadt, und die Rote Armee war nur noch wenige Kilometer entfernt.

In der Stadt wohnten vor dem Krieg etwas weniger als fünfzigtausend Menschen, unwichtig aus militärischer Sicht. Ihr Verhängnis war, der roten Armee auf ihrem Vormarsch im Weg zu stehen.
Bereits am späten Nachmittag des Vortages war ein Lautsprecherwagen der Wehrmacht durch die Straßen der Stadt gefahren und der Sprecher hatte die Männer vom Volkssturm und alle anderen Wehrfähigen aufgerufen, sich am nachfolgenden Morgen auf dem Marktplatz einzufinden. ‘Morgen früh 5 Uhr auf dem Marktplatz’ lautete die Durchsage. In den Pausen drang fröhliche Marschmusik aus dem Lautsprecher.

Es war fünf Uhr morgens und noch dunkle Nacht. Ein scharfer Wind fegte über den Sammelplatz und trieb fallenden Schnee vor sich her. Aber nicht als weiche Flocken, die prickelnd auf der Haut schmolzen, sondern scharfkantige Eiskristalle, die sich wie spitze Nadeln in Gesicht und Hände bohrten.

An den Straßenecken und in den Hauseingängen türmten sich kleine Wehen auf. In jenem Winter war es bereits Ende September, also ungewöhnlich früh, sehr kalt geworden, und die Warthe, der Fluss, an dessen Ufern die Stadt lag, war seit Weihnachten zugefroren. Das Eis war fest, und die Bewohner der Stadt überquerten mit ihren Pferdefuhrwerken den Fluss.

Etwa fünfzig Männer hatten sich auf dem Platz neben dem Dom eingefunden und waren in einer unmilitärisch schiefen Linie angetreten. Die meisten von ihnen trugen die Armbinde des Volkssturms, aber auch jene ohne Armbinde waren als wehrfähig eingestuft und hatten sich auf den Sammelplatz begeben. Fast alle waren in Zivilkleidung, Wintermänteln, Filzhüten mit Krempe, Pudelmützen, fellgefütterte Winterstiefel, oder auch dünne Halbschuhe. Viele waren Brillenträger, und die Gläser waren vom Schnee dick verkrustet. Sie hatten handgestrickte Handschuhe an und wollene Schals um den Hals geschlungen. Nicht alle besaßen Schals oder Mützen, und viele der Mäntel und Schuhe waren wenig geeignet für den Schnee und die beißende Kälte an jenem frühen Morgen.

Einige der Männer gingen an Krücken, hatten von Blut rot verfärbte Verbände um den Kopf gewickelt, oder es fehlte ihnen ein Arm oder ein Bein. Die leeren Ärmel der Mäntel hatten sie in die Manteltaschen gesteckt, die leeren Hosenbeine nach oben geschlagen und mit großen Sicherheitsnadeln festgesteckt oder mit Bändern umbunden. Die Verwundeten trugen Uniformmäntel der Wehrmacht. Sie waren auf dem Rückmarsch von der Front in der Stadt zurückgeblieben, weil es nicht genug Transportfahrzeuge gab, weil sie zu müde waren, weiter zu laufen, weil sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten und nicht mehr weitergehen wollten.

Die verwundeten Soldaten waren noch jung, kaum zwanzig Jahre alt, oder nur wenig älter. Die Männer vom Volkssturm waren über fünfzig Jahre, und einige der Älteren mussten gestützt werden. In der Reihe der Erwachsenen standen auch einige Jungen, vielmehr Kinder, vielleicht vierzehn Jahre alt. Sie trugen auch Uniformen, die ihnen zu groß waren und in die sie in diesem Krieg nicht mehr hineinwachsen würden. Sie hatten Angst und einer von ihnen weinte und versteckte sich hinter seinen Kameraden, wollte niemandem seine Tränen zeigen.

Ein paar hölzerne Karren standen vor der Linie. Die unrasierten Gesichter der Männer waren grau von Kälte und den beißenden Eiskristallen, die durch jedes Knopfloch, durch jeden Ritz ihrer Kleidung bis auf die Haut drangen. Sie kannten sich, es war eine kleine Stadt. Sie waren Nachbarn und gemeinsam zum Sammelplatz gegangen. Sie redeten nicht miteinander, auch nicht die üblichen Durchhalteparolen wollten ihnen über die Lippen kommen.

In der Reihe stand ein Mann, der sich Vorwürfe machte, nicht auf seine Frau gehört zu haben. Sie hatte geweint und gesagt: »Geh nicht dort hin, lass uns weggehen, noch ist es Zeit. Denk an unser Kind.« Der Mann wollte nicht zum Sammelplatz gehen, aber er fürchtete sich den Befehl zu verweigern, welcher den ganzen gestrigen Nachmittag über den Lautsprecherwagen ausgerufen worden war. Wenn es morgens hell wurde, sahen die Passanten auf dem Marktplatz die Unglücklichen an den Laternen hängen, die nachts hatten flüchten wollen. Ein Standgericht der SS hatte sie auf dem Marktplatz zur Abschreckung aufgehängt. Oft hängten sie Männer am helllichten Tag auf, weil sie sich Zuschauer wünschten, und die SS-Schergen hängten sie in einer Weise, die langsames Sterben bedeutete. Nie versuchte einer der Zuschauer zu helfen. Es war so wie immer. Da war das Opfer, manchmal um Hilfe bettelnd, seine Henker in ihren schwarzen Uniformen und den Totenköpfen an den Helmen und die unbeteiligten Dritten, die Zuschauer, voller Selbstverachtung, sich widerlich vorkommend, weil sie nicht halfen, glücklich, nicht betroffen zu sein.
Die Zuschauer rannten in die Seitenstraßen, bemüht, nicht hinzusehen, wie die noch immer Lebenden an den Laternen zappelten, wie ihnen der Kot an den Beinen runter lief und über die Schuhe auf die Erde tropfte - und sie mussten trotzdem hinsehen.



Der Mann wollte nicht und musste dennoch hingehen. Seine Frau hatte ihn am Mantel festgehalten und verzweifelt angefleht: »Du wirst sterben, wenn du hingehst.« Sie hatte sich in seinen Mantel gekrallt, versuchte ihn mit Gewalt daran zu hindern, zum Sammelplatz zu gehen. Das Kind war von ihrem Streit wach geworden und weinte. Sie riss den Jungen aus dem Bett und hielt ihn ihrem Mann hin: »Sieh deinen Sohn an. Willst du ihn alleine lassen?« Der Mann antwortete ruhig: »Ich muss gehen, ohne mich seid ihr besser dran, ich bringe dich und den Jungen nur in Gefahr, wenn ich bleibe. Wo ich sterben werde, ist egal. Ohne mich hast du mit unserem Jungen noch eine Chance«, und hatte sie sanft, um ihr nicht wehzutun, abgeschüttelt, umarmte sie gegen ihren Willen zum Abschied, küsste sie auf die Stirn und wollte gehen. Voller Panik, alleine zu bleiben, versperrte sie mit ihrem Körper die Wohnungstür und es kam zu einem Gerangel. Der Mann hatte keine Wahl, er musste sie beiseite schieben, und er tat es so sanft wie möglich, aber sie fiel trotzdem zu Boden. Regungslos saß sie auf dem Boden neben der Tür, ihr Gesicht kreideweiß und von Schweiß und Tränen überströmt und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihren Mann an. Ohne einen Blick zurück verließ er die Wohnung.

Jetzt dachte er an sie und an sein Kind und bereute, nicht auf seine Frau gehört zu haben.


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Vor der angetretenen Truppe stand ein alter Feldwebel der Wehrmacht, älter, als die meisten der Männer vor ihm. Er trug einen vom langen Krieg zerschlissenen und dreckverkrusteten Uniformmantel. Seinen Kopf hatte er mit einem grauen Schal umwickelt, darüber trug er als Einziger einen Stahlhelm.
Die Leute von der Partei und der Stadtkommandant hatten ihm befohlen, Landsberg, das war der Name der kleinen Stadt, gegen die heranrückenden Bolschewiken, so nannte der Stadtkommandant die Soldaten der Roten Armee, mit den Männern des Volkssturms zu verteidigen.

Der alte Feldwebel war genauso müde und halb erfroren wie die Männer, und er hatte wie sie seit Längerem keine warme Mahlzeit mehr gegessen. Er betrachte die unmilitärische Linie der angetretenen Männer vor sich, er sah die Holzwagen, die später dazu dienen sollten, die Verwundeten und die Toten aus der Kampfzone wegzuschaffen. Er sah die Waffen, die man ihm zur Verteidigung der Stadt überlassen hatte. Ein leichtes Maschinengewehr mit zwei Munitionsgurten. Er selbst hatte seine Pistole, eine P08, und über der Schulter trug er einen Karabiner. Die Pistole war geladen, aber er hatte keine Reservemunition mehr. Für den Karabiner gab es schon seit Wochen keine Patronen mehr. Die meisten angetretenen Männer trugen einen Spaten mit kurzem Stiel im Gürtel. Mit diesem Werkzeug hatten sie in den vergangenen Tagen Schanzarbeiten am Stadtrand verrichtet.

Der Obersturmbannführer der SA hatte den Feldwebel zum Rapport in sein Büro befohlen. Als dieser das Büro betrat, fiel sein Blick auf das Bild des Führers, welches an der Wand hinter dem Schreibtisch hing. Daneben stand schräg an die Wand gelehnt eine Hakenkreuzstandarte mit dem Adler auf der Spitze der Stange. Es roch nach frischem Kaffee und gutem Essen. Der Obersturmbannführer saß hinter einem riesigen Schreibtisch und hielt dem Feldwebel einen Vortrag, faselte von Volk, Führer und Vaterland. Er war noch ein junger Mann, halb so alt wie der Feldwebel und etwas dicklich. Die Knöpfe seiner sauberen und gut gebügelten braunen Uniform spannten über dem Bauch. Seine Augen waren wässerig von übermäßigem Alkoholgenuss.

Er bot dem Feldwebel keinen Stuhl an, was dieser jedoch nicht bedauerte. In Gedanken war er bei einer ganz anderen Nachricht, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, und die er gestern mit großer Verspätung erhalten hatte. Seine Frau und seine Mutter waren vor zwei Monaten bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben gekommen, daran dachte er, als er den Obersturmbannführer vor sich sah. Er dachte auch an seine beiden Söhne, die in Stalingrad gefallen waren, verreckt im Dreck für Führer und Vaterland.

Die Männer des Volkssturms, so schnarrte ihn der Obersturmbannführer an, wobei er den Tonfall des Führers zu kopieren versuchte, sollten zuerst Gräben ausheben, später mit ihren Spaten die heranstürmenden Russen erschlagen und ihnen die Waffen abnehmen. Der Feldwebel hatte nicht gefragt, wie er diesen Befehl mit einer Handvoll alter und vor Kälte und Hunger erschöpfter Männer ausführen sollte. Was hätte der Obersturmbannführer schon geantwortet? Wahrscheinlich, ein Deutscher, sei er auch alt und verhungert und nur mit einem Spaten bewaffnet, könne zehn oder mehr schwer bewaffnete Rotarmisten totschlagen. Er hatte dieses Gefasel schon so oft gehört, er konnte es nicht mehr anhören und fragte lieber nicht.

Als der Feldwebel meinte, der Obersturmbannführer hätte alles gesagt, hob er mit gekrümmten Fingern seine rechte Hand in die Nähe seiner Stirn und ließ sie mit steinernem Gesichtsausdruck einen Moment dort in der Luft hängen. Mit seinen Gedanken war er in Hamburg, bei seiner Frau und seiner Mutter, die er nun nie mehr wiedersehen würde.

Der Obersturmbannführer schnarrte ihn in seiner Hitler-Imitation an: »Haben Sie den Deutschen Gruß verlernt?« Ebenso schnarrend antwortete der Feldwebel: »Nein, Obersturmbannführer, wie könnte ich den je verlernen.« Er drehte sich um und verließ den Raum, unfähig weiter im selben Raum mit diesem Mann bleiben zu können. Angst hatte er keine mehr, er war nur noch verzweifelt und unendlich müde.

Der Mann, der gegen den Willen der Frau zum Sammelplatz gekommen war, stand dem Feldwebel gegenüber. Dieser sah ihn an, und für einen Augenblick traf sich ihr Blick. Sie waren sich bisher nie begegnet, aber in diesem Augenblick wusste jeder, was der andere gerade dachte: ‘Wir werden hier sterben.’

Der Feldwebel jedoch fasste einen Entschluss. Er trat noch näher an die Männer heran und deutete ihnen an, einen Kreis um ihn zu bilden. Dann sagte er: »Männer, was ich euch jetzt sage ist ein Befehl, auf den ihr euch jederzeit berufen könnt, wenn euch jemand aufhält. Ihr geht jetzt nach Hause, der Krieg ist für euch zu Ende. Kümmert euch um eure Frauen und Kinder. Nehmt Decken und so viele Lebensmittel wie ihr tragen könnt und geht zum Bahnhof. Heute Morgen sind zwei Personenzüge aus Küstrin angekommen und das sind die letzten Züge, die diese Stadt verlassen werden. Ihr solltet spätestens mittags 13 Uhr auf dem Bahnhof sein. Die Züge fahren heute am späten Nachmittag zurück nach Küstrin, dort über die Oder und weiter Richtung Westen, weg von der Front und weg von den Russen. Ihr braucht keine Angst zu haben, es wird euch niemand sehen, wenn ihr jetzt geht. Auch auf dem Bahnhof wird euch niemand sehen. Die von der Partei, der Stadtkommandant und auch die SS haben die Stadt gestern Abend verlassen. Ich wünsche euch viel Glück.« Einen Moment sah es so aus, als ob der Feldwebel militärisch grüßen wollte. Aber er hob nur die Hand und es wurde so etwas wie Winken daraus und er lächelte dabei.

Die Männer sahen sich ungläubig an, flüsterten leise miteinander. Konnte das wahr sein, durften sie nach Hause gehen?

Einige hoben halbherzig und mehr aus Gewohnheit den rechten Arm zum Hitlergruß, ließen ihn jedoch rasch wieder sinken und sagten nichts. Der Feldwebel kehrte sich ab, kämpfte sich gegen das Schneetreiben vorn über gebeugt quer über den Platz und verschwand in einer schmalen Gasse. Das war sein letzter Befehl in diesem Krieg gewesen, und er wusste das. ‘Die Feldjäger werden mich finden’. Es war ihm egal, er hatte keine Angst mehr. Er war nur noch müde.
Die Männer zerstreuten sich rasch, die kleinen Holzwagen nahmen sie mit. Bald war der Platz menschenleer, und nach wenigen Minuten hatte der wirbelnde Schnee ihre Fußspuren zugeweht.
Von diesen Ereignissen erzählte viele Jahre später mein Vater. Es muss sich am 30. Januar 1945 so zugetragen haben. Am gleichen Tag verließen wir Landsberg (a.d. Warthe) mit dem Zug. Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich erinnern kann, oder ob meine Eltern so oft davon erzählt haben. Aber den Rasierschaumbecher meines Vaters am Abteilfenster mit der Geburtstagskerze sehe ich noch heute vor mir. Der Becher war aus Aluminium und ein wenig verbogen, die Kerze flackerte, das Fenster schloss nicht gut.




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