Montag, 31. August 2015

1945 - eine kleine Stadt in Deutschland




30. Januar 1945
Jede Nacht, seit einer Woche, beobachteten die Einwohner der kleinen Stadt die flackernden Lichter über dem Horizont. Die Erscheinungen hätten Wetterleuchten oder ferne Gewitter sein können, wenn sie nicht in östlicher Richtung zu sehen gewesen wären.
Jetzt war das Flackern stärker als jedes Wetterleuchten, die gelb und orangefarbenen Blitze der explodierenden Artilleriegranaten und die Flugbahnen der Leuchtspurmunition waren deutlich zu erkennen. Seit letzter Nacht konnte man auch das dumpf drohende Grollen der Granateinschläge und das grelle Pfeifen der Stalinorgeln hören.  Seit Tagen und Wochen waren verwundete Soldaten in endlosen traurigen Kolonnen durch die Stadt gezogen, zu Fuß oder in Sanitätsfahrzeugen. Leichtverletzte zogen Schwerverletzte auf Handkarren hinter sich her. Sie klopften an die Türen und fragten nach Wasser oder etwas Essbarem.
Plötzlich war der Spuk dieses Elendstrecks verwundeter Soldaten zu Ende. Voller Hoffnung glaubten die Menschen, die deutsche Front hätte Stand gehalten, bis bekannt wurde, es gäbe keine deutsche Front mehr. Die kläglichen Reste der deutschen Soldaten seien eingeschlossen und würden von den Russen gnadenlos vernichtet. Es befand sich kein Hindernis mehr zwischen den Russen und der Stadt, und die Rote Armee war nur noch wenige Kilometer entfernt.

In der Stadt wohnten vor dem Krieg etwas weniger als fünfzigtausend Menschen, unwichtig aus militärischer Sicht. Ihr Verhängnis war, der roten Armee auf ihrem Vormarsch im Weg zu stehen.
Bereits am späten Nachmittag des Vortages war ein Lautsprecherwagen der Wehrmacht durch die Straßen der Stadt gefahren und der Sprecher hatte die Männer vom Volkssturm und alle anderen Wehrfähigen aufgerufen, sich am nachfolgenden Morgen auf dem Marktplatz einzufinden. ‘Morgen früh 5 Uhr auf dem Marktplatz’ lautete die Durchsage. In den Pausen drang fröhliche Marschmusik aus dem Lautsprecher.

Es war fünf Uhr morgens und noch dunkle Nacht. Ein scharfer Wind fegte über den Sammelplatz und trieb fallenden Schnee vor sich her. Aber nicht als weiche Flocken, die prickelnd auf der Haut schmolzen, sondern scharfkantige Eiskristalle, die sich wie spitze Nadeln in Gesicht und Hände bohrten.

An den Straßenecken und in den Hauseingängen türmten sich kleine Wehen auf. In jenem Winter war es bereits Ende September, also ungewöhnlich früh, sehr kalt geworden, und die Warthe, der Fluss, an dessen Ufern die Stadt lag, war seit Weihnachten zugefroren. Das Eis war fest, und die Bewohner der Stadt überquerten mit ihren Pferdefuhrwerken den Fluss.

Etwa fünfzig Männer hatten sich auf dem Platz neben dem Dom eingefunden und waren in einer unmilitärisch schiefen Linie angetreten. Die meisten von ihnen trugen die Armbinde des Volkssturms, aber auch jene ohne Armbinde waren als wehrfähig eingestuft und hatten sich auf den Sammelplatz begeben. Fast alle waren in Zivilkleidung, Wintermänteln, Filzhüten mit Krempe, Pudelmützen, fellgefütterte Winterstiefel, oder auch dünne Halbschuhe. Viele waren Brillenträger, und die Gläser waren vom Schnee dick verkrustet. Sie hatten handgestrickte Handschuhe an und wollene Schals um den Hals geschlungen. Nicht alle besaßen Schals oder Mützen, und viele der Mäntel und Schuhe waren wenig geeignet für den Schnee und die beißende Kälte an jenem frühen Morgen.

Einige der Männer gingen an Krücken, hatten von Blut rot verfärbte Verbände um den Kopf gewickelt, oder es fehlte ihnen ein Arm oder ein Bein. Die leeren Ärmel der Mäntel hatten sie in die Manteltaschen gesteckt, die leeren Hosenbeine nach oben geschlagen und mit großen Sicherheitsnadeln festgesteckt oder mit Bändern umbunden. Die Verwundeten trugen Uniformmäntel der Wehrmacht. Sie waren auf dem Rückmarsch von der Front in der Stadt zurückgeblieben, weil es nicht genug Transportfahrzeuge gab, weil sie zu müde waren, weiter zu laufen, weil sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten und nicht mehr weitergehen wollten.

Die verwundeten Soldaten waren noch jung, kaum zwanzig Jahre alt, oder nur wenig älter. Die Männer vom Volkssturm waren über fünfzig Jahre, und einige der Älteren mussten gestützt werden. In der Reihe der Erwachsenen standen auch einige Jungen, vielmehr Kinder, vielleicht vierzehn Jahre alt. Sie trugen auch Uniformen, die ihnen zu groß waren und in die sie in diesem Krieg nicht mehr hineinwachsen würden. Sie hatten Angst und einer von ihnen weinte und versteckte sich hinter seinen Kameraden, wollte niemandem seine Tränen zeigen.

Ein paar hölzerne Karren standen vor der Linie. Die unrasierten Gesichter der Männer waren grau von Kälte und den beißenden Eiskristallen, die durch jedes Knopfloch, durch jeden Ritz ihrer Kleidung bis auf die Haut drangen. Sie kannten sich, es war eine kleine Stadt. Sie waren Nachbarn und gemeinsam zum Sammelplatz gegangen. Sie redeten nicht miteinander, auch nicht die üblichen Durchhalteparolen wollten ihnen über die Lippen kommen.

In der Reihe stand ein Mann, der sich Vorwürfe machte, nicht auf seine Frau gehört zu haben. Sie hatte geweint und gesagt: »Geh nicht dort hin, lass uns weggehen, noch ist es Zeit. Denk an unser Kind.« Der Mann wollte nicht zum Sammelplatz gehen, aber er fürchtete sich den Befehl zu verweigern, welcher den ganzen gestrigen Nachmittag über den Lautsprecherwagen ausgerufen worden war. Wenn es morgens hell wurde, sahen die Passanten auf dem Marktplatz die Unglücklichen an den Laternen hängen, die nachts hatten flüchten wollen. Ein Standgericht der SS hatte sie auf dem Marktplatz zur Abschreckung aufgehängt. Oft hängten sie Männer am helllichten Tag auf, weil sie sich Zuschauer wünschten, und die SS-Schergen hängten sie in einer Weise, die langsames Sterben bedeutete. Nie versuchte einer der Zuschauer zu helfen. Es war so wie immer. Da war das Opfer, manchmal um Hilfe bettelnd, seine Henker in ihren schwarzen Uniformen und den Totenköpfen an den Helmen und die unbeteiligten Dritten, die Zuschauer, voller Selbstverachtung, sich widerlich vorkommend, weil sie nicht halfen, glücklich, nicht betroffen zu sein.
Die Zuschauer rannten in die Seitenstraßen, bemüht, nicht hinzusehen, wie die noch immer Lebenden an den Laternen zappelten, wie ihnen der Kot an den Beinen runter lief und über die Schuhe auf die Erde tropfte - und sie mussten trotzdem hinsehen.



Der Mann wollte nicht und musste dennoch hingehen. Seine Frau hatte ihn am Mantel festgehalten und verzweifelt angefleht: »Du wirst sterben, wenn du hingehst.« Sie hatte sich in seinen Mantel gekrallt, versuchte ihn mit Gewalt daran zu hindern, zum Sammelplatz zu gehen. Das Kind war von ihrem Streit wach geworden und weinte. Sie riss den Jungen aus dem Bett und hielt ihn ihrem Mann hin: »Sieh deinen Sohn an. Willst du ihn alleine lassen?« Der Mann antwortete ruhig: »Ich muss gehen, ohne mich seid ihr besser dran, ich bringe dich und den Jungen nur in Gefahr, wenn ich bleibe. Wo ich sterben werde, ist egal. Ohne mich hast du mit unserem Jungen noch eine Chance«, und hatte sie sanft, um ihr nicht wehzutun, abgeschüttelt, umarmte sie gegen ihren Willen zum Abschied, küsste sie auf die Stirn und wollte gehen. Voller Panik, alleine zu bleiben, versperrte sie mit ihrem Körper die Wohnungstür und es kam zu einem Gerangel. Der Mann hatte keine Wahl, er musste sie beiseite schieben, und er tat es so sanft wie möglich, aber sie fiel trotzdem zu Boden. Regungslos saß sie auf dem Boden neben der Tür, ihr Gesicht kreideweiß und von Schweiß und Tränen überströmt und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihren Mann an. Ohne einen Blick zurück verließ er die Wohnung.

Jetzt dachte er an sie und an sein Kind und bereute, nicht auf seine Frau gehört zu haben.


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Vor der angetretenen Truppe stand ein alter Feldwebel der Wehrmacht, älter, als die meisten der Männer vor ihm. Er trug einen vom langen Krieg zerschlissenen und dreckverkrusteten Uniformmantel. Seinen Kopf hatte er mit einem grauen Schal umwickelt, darüber trug er als Einziger einen Stahlhelm.
Die Leute von der Partei und der Stadtkommandant hatten ihm befohlen, Landsberg, das war der Name der kleinen Stadt, gegen die heranrückenden Bolschewiken, so nannte der Stadtkommandant die Soldaten der Roten Armee, mit den Männern des Volkssturms zu verteidigen.

Der alte Feldwebel war genauso müde und halb erfroren wie die Männer, und er hatte wie sie seit Längerem keine warme Mahlzeit mehr gegessen. Er betrachte die unmilitärische Linie der angetretenen Männer vor sich, er sah die Holzwagen, die später dazu dienen sollten, die Verwundeten und die Toten aus der Kampfzone wegzuschaffen. Er sah die Waffen, die man ihm zur Verteidigung der Stadt überlassen hatte. Ein leichtes Maschinengewehr mit zwei Munitionsgurten. Er selbst hatte seine Pistole, eine P08, und über der Schulter trug er einen Karabiner. Die Pistole war geladen, aber er hatte keine Reservemunition mehr. Für den Karabiner gab es schon seit Wochen keine Patronen mehr. Die meisten angetretenen Männer trugen einen Spaten mit kurzem Stiel im Gürtel. Mit diesem Werkzeug hatten sie in den vergangenen Tagen Schanzarbeiten am Stadtrand verrichtet.

Der Obersturmbannführer der SA hatte den Feldwebel zum Rapport in sein Büro befohlen. Als dieser das Büro betrat, fiel sein Blick auf das Bild des Führers, welches an der Wand hinter dem Schreibtisch hing. Daneben stand schräg an die Wand gelehnt eine Hakenkreuzstandarte mit dem Adler auf der Spitze der Stange. Es roch nach frischem Kaffee und gutem Essen. Der Obersturmbannführer saß hinter einem riesigen Schreibtisch und hielt dem Feldwebel einen Vortrag, faselte von Volk, Führer und Vaterland. Er war noch ein junger Mann, halb so alt wie der Feldwebel und etwas dicklich. Die Knöpfe seiner sauberen und gut gebügelten braunen Uniform spannten über dem Bauch. Seine Augen waren wässerig von übermäßigem Alkoholgenuss.

Er bot dem Feldwebel keinen Stuhl an, was dieser jedoch nicht bedauerte. In Gedanken war er bei einer ganz anderen Nachricht, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, und die er gestern mit großer Verspätung erhalten hatte. Seine Frau und seine Mutter waren vor zwei Monaten bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben gekommen, daran dachte er, als er den Obersturmbannführer vor sich sah. Er dachte auch an seine beiden Söhne, die in Stalingrad gefallen waren, verreckt im Dreck für Führer und Vaterland.

Die Männer des Volkssturms, so schnarrte ihn der Obersturmbannführer an, wobei er den Tonfall des Führers zu kopieren versuchte, sollten zuerst Gräben ausheben, später mit ihren Spaten die heranstürmenden Russen erschlagen und ihnen die Waffen abnehmen. Der Feldwebel hatte nicht gefragt, wie er diesen Befehl mit einer Handvoll alter und vor Kälte und Hunger erschöpfter Männer ausführen sollte. Was hätte der Obersturmbannführer schon geantwortet? Wahrscheinlich, ein Deutscher, sei er auch alt und verhungert und nur mit einem Spaten bewaffnet, könne zehn oder mehr schwer bewaffnete Rotarmisten totschlagen. Er hatte dieses Gefasel schon so oft gehört, er konnte es nicht mehr anhören und fragte lieber nicht.

Als der Feldwebel meinte, der Obersturmbannführer hätte alles gesagt, hob er mit gekrümmten Fingern seine rechte Hand in die Nähe seiner Stirn und ließ sie mit steinernem Gesichtsausdruck einen Moment dort in der Luft hängen. Mit seinen Gedanken war er in Hamburg, bei seiner Frau und seiner Mutter, die er nun nie mehr wiedersehen würde.

Der Obersturmbannführer schnarrte ihn in seiner Hitler-Imitation an: »Haben Sie den Deutschen Gruß verlernt?« Ebenso schnarrend antwortete der Feldwebel: »Nein, Obersturmbannführer, wie könnte ich den je verlernen.« Er drehte sich um und verließ den Raum, unfähig weiter im selben Raum mit diesem Mann bleiben zu können. Angst hatte er keine mehr, er war nur noch verzweifelt und unendlich müde.

Der Mann, der gegen den Willen der Frau zum Sammelplatz gekommen war, stand dem Feldwebel gegenüber. Dieser sah ihn an, und für einen Augenblick traf sich ihr Blick. Sie waren sich bisher nie begegnet, aber in diesem Augenblick wusste jeder, was der andere gerade dachte: ‘Wir werden hier sterben.’

Der Feldwebel jedoch fasste einen Entschluss. Er trat noch näher an die Männer heran und deutete ihnen an, einen Kreis um ihn zu bilden. Dann sagte er: »Männer, was ich euch jetzt sage ist ein Befehl, auf den ihr euch jederzeit berufen könnt, wenn euch jemand aufhält. Ihr geht jetzt nach Hause, der Krieg ist für euch zu Ende. Kümmert euch um eure Frauen und Kinder. Nehmt Decken und so viele Lebensmittel wie ihr tragen könnt und geht zum Bahnhof. Heute Morgen sind zwei Personenzüge aus Küstrin angekommen und das sind die letzten Züge, die diese Stadt verlassen werden. Ihr solltet spätestens mittags 13 Uhr auf dem Bahnhof sein. Die Züge fahren heute am späten Nachmittag zurück nach Küstrin, dort über die Oder und weiter Richtung Westen, weg von der Front und weg von den Russen. Ihr braucht keine Angst zu haben, es wird euch niemand sehen, wenn ihr jetzt geht. Auch auf dem Bahnhof wird euch niemand sehen. Die von der Partei, der Stadtkommandant und auch die SS haben die Stadt gestern Abend verlassen. Ich wünsche euch viel Glück.« Einen Moment sah es so aus, als ob der Feldwebel militärisch grüßen wollte. Aber er hob nur die Hand und es wurde so etwas wie Winken daraus und er lächelte dabei.

Die Männer sahen sich ungläubig an, flüsterten leise miteinander. Konnte das wahr sein, durften sie nach Hause gehen?

Einige hoben halbherzig und mehr aus Gewohnheit den rechten Arm zum Hitlergruß, ließen ihn jedoch rasch wieder sinken und sagten nichts. Der Feldwebel kehrte sich ab, kämpfte sich gegen das Schneetreiben vorn über gebeugt quer über den Platz und verschwand in einer schmalen Gasse. Das war sein letzter Befehl in diesem Krieg gewesen, und er wusste das. ‘Die Feldjäger werden mich finden’. Es war ihm egal, er hatte keine Angst mehr. Er war nur noch müde.
Die Männer zerstreuten sich rasch, die kleinen Holzwagen nahmen sie mit. Bald war der Platz menschenleer, und nach wenigen Minuten hatte der wirbelnde Schnee ihre Fußspuren zugeweht.
Von diesen Ereignissen erzählte viele Jahre später mein Vater. Es muss sich am 30. Januar 1945 so zugetragen haben. Am gleichen Tag verließen wir Landsberg (a.d. Warthe) mit dem Zug.




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 DPA