Mittwoch, 1. August 2018

Tödliche Wahrheit - Leseprobe

Damaskus ***
Der Zwischenfall in Damaskus war ein unglückliches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die einfach nicht zusammenpassten.
»Ein Kurier ist ausgefallen, liegt im Krankenhaus«, hatte Akke Salander gesagt, »ich muss dich um diesen Gefallen bitten. Liegt nicht auf deiner Linie, ich weiß. Ist eine äußerst dringende Angelegenheit.«
Jean Delong sträubte sich nicht groß, im Gegenteil. Mal eine Abwechselung, dachte er. Hinter ihm auf der Ladefläche lagen fünf Holzkisten, jede zwei Meter lang, 40 mal 60 Zentimeter im Durchmesser. Sehr stabile Behälter. Die großflächigen schwarzen Logos auf den Kisten erweckten den Anschein einer humanitären Hilfslieferung. Auf den Seiten des Lieferwagens prangte der Schriftzug MEDICO, eine NGO in Stockholm. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, der Fahrer wäre in einem humanitären Auftrag unterwegs.
Alles Bluff.
Die MEDICO in Stockholm hatte einen medizinischen Hintergrund, ähnlich wie Ärzte ohne Grenzen. Die SRA in Amman stand eher für das Gegenteil. Bei der MEDICO wusste man, dass die SRA ihren Namen als Deckmäntelchen benutzte und im Gegenzug revanchierte sich Ed Sullivan, der Boss der SRA in New York, mit großzügigen Spenden. Sollte jemand in Stockholm anrufen und fragen, ob der Fahrer des Wagens bei MEDICO auf der Gehaltsliste stand, dann wurde das bereitwillig bestätigt. Schon das Logo öffnete viele Türen, Grenzbäume schwenkten hoch, ohne genaue Pass- oder Fahrzeugkontrolle. Wie jetzt auch an der Grenze nach Syrien, als Jean dem Grenzbeamten seine Papiere zeigen wollte. Der winkte ab. Das Logo suggerierte, der Inhalt der Kisten habe etwas mit Medizin oder Pharmazie zu tun. Herzschrittmacher oder Abführpillen.
Jean wusste, was die Kisten enthielten. Wie Akke gesagt hatte, ein Sonderauftrag. Keine brisanten Informationen, Dokumente, Computerdateien auf CDs und USB-Sticks, wie sonst. Mal was anderes. Gut bezahlt wurde es auch. Außerdem – das kam als Anreiz noch oben drauf – war er schon lange nicht mehr in Damaskus gewesen, sicher fünf Jahre oder mehr. Eine wunderbare Stadt. Obwohl das, was einmal wunderbar an der Stadt war, was romantische Geister vielleicht noch immer an Tausendundeine Nacht erinnern mochte, im wahrsten Sinn des Wortes verraucht war. Inzwischen hörte man häufiger Explosionen, als Rufe des Muezzins von den Minaretts. Damals hatte nicht viel gefehlt, und er wäre geblieben. Die Frau, mit der er was hatte, wollte dann doch nicht dauerhaft mit ihm zusammen wohnen, ihm, einem Mann aus dem Abendland. Ihre Eltern waren erzkonservativ. Jetzt lebte er in Beirut, der Stadt, die man vor vielen Jahren Paris des Nahen Ostens genannt hatte. Auch nicht schlecht, auch wenn vom Pariser Flair schon viel abgeblättert war.

Jean fuhr zu der angegebenen Adresse in Damaskus, eine Autowerkstatt in einer Seitenstraße der Al Yarmouk. Die Azzubair Moschee war nicht weit. Sie garantierte den Anwohnern fünf mal täglich einen besonders lautstarken Ruf zum Gebet.
Er stieg aus, nahm seinen Rucksack vom Beifahrersitz und ging zu der eisernen Tür. Mit der flachen Hand schlug er dagegen und drückte die Klinke. Heftig quietschend schlug die schwere Metalltür auf. Dahinter standen mehrere Männer.
»Rocket-Man?«, sagte einer.
Jean nickte vorsichtig, war darauf vorbereitet, gleich eine Kalaschnikow oder Magnum am Kopf zu spüren. Unbegründete Befürchtung. Sie grinsten, klopften ihm heftig auf die Schultern, sagten immer wieder, shukraan liqudumik, und gemeinschaftlich luden sie die Kisten aus, trugen sie in die Werkstatt. Jean fragte nach einer Zange und einem Stemmeisen, hebelte die Metallbänder auf und öffnete die erste Kiste. Darin lagen keine Medikamente oder medizinische Geräte, eher das Gegenteil – ein graues Rohr mit Zieloptik und einem trompetenförmigen Ende, eine Stinger-Rakete, Sammelbegriff Manpad. Man packt sie auf die Schulter und schießt auf Flugzeuge, Panzer oder durch ein Fenster in Häuser. Akke hatte ihm warnend gesagt, die Empfänger wären vom Kalifat und auf diesem Umweg wollte man sie in die Hölle schicken. Die Männer grinsten freudig und sagten, jetzt müssten sie erst mal Tee trinken, schließlich hätte er lange im Auto gesessen.
»Tausche die Elektronik und verschwinde umgehend. Die Raketenwerfer werden per Fernzündung aktiviert«, hatte Akke ihm noch auf die Seele gebunden, als er den Motor schon gestartet hatte und losfahren wollte.
»Ich bin etwas in Eile, muss dringend zurück nach Beirut«, sagte Jean dann auch, Akkes Anweisungen getreulich befolgend. Nein, erwiderten sie, das ginge nicht, erst Tee trinken. Jean nickte ergeben.
Sie gingen durch einen langen dunklen Gang, öffneten eine Tür und Jean wusste sofort, dass die Männer nicht vom Kalifat waren. Dafür hatte er eine Nase, besonders, wenn wie in diesem Fall, die Dekoration etwas übertrieben wurde.
An der Wand standen über Eck zwei breite Sofas, davor ein niedriger Tisch mit vollen und angebrochenen Whiskyflaschen, Jack Daniel’s und Dalmore, als Krönung Chivas Regal. Araber haben keinen Grund, Tee in Whisky-Flaschen zu füllen, eher umgekehrt – Whisky in Teekannen. Auf den Sofas räkelten sich drei Mädchen in kurzen Röcken mit bis zum Bauchnabel ausgeschnittenen und nur von sparsamen Glitzerschnüren zusammengehaltenen engen Tops, wie man sie in westlichen Sexshops verkauft. Shops dieser Art gab es auch in Damaskus, Beziehungen vorausgesetzt. Aber Kämpfer des Kalifats gehörten garantiert nicht zur Stammkundschaft.
»Setz dich und trink mit uns, gleich gibt es was zu Essen, Lamm und Reis, du bist uns ein wichtiger Gast. Die Nacht verbringst du hier, das ist doch selbstverständlich.«
Dabei zeigte er auf die Mädchen und die kicherten. Was Jean endgültig die Laune verdarb, war der Umstand, dass die Männer untereinander Farsi sprachen. Er verstand kein Farsi, aber gut genug Arabisch, dass er den Unterschied heraushörte. Die Mädchen waren Nutten aus Damaskus, sie sprachen Arabisch.
Einer drückte ihm ein Glas in die Hand, füllte es.
»Eis?«, fragte er und Jean nickte. Mit einer Zange holte der Mann Eis aus einem Tonkrug. Jean schüttelte das Glas leicht und trank. Guter Whisky, wie das Etikett versprach.
Ein Mädchen klopfte mit der Hand auf den Platz neben sich und sagte auf Arabisch: »Setz dich zu mir.«
Jean setzte sich neben sie, und sie legte ihm einen Arm um den Hals, den anderen auf den Schoß und unter normalen Umständen wäre er begeistert gewesen. Die Raketen im Vorraum verhinderten jeglichen Enthusiasmus.
Er trank einen Schluck Whisky, zog das Mädchen an sich. Zwanzig war sie, keinen Tag älter, eher mehrere Monate jünger.
Das ging eine Weile so und Jean bemühte sich, nicht zu viel zu trinken. Er setzte öfter das Glas an die Lippen, trank aber nicht.
Einige Zeit später kam ein Mann herein, ein ganz anderer Typ, als das Empfangskomitee. Er begrüßte Jean per Handschlag auf westliche Art, mit Händedruck. Der Anzug und die randlose Brille waren ganz sicher nicht in Damaskus gekauft. Unter dem Arm hatte er eine schmale Aktenmappe geklemmt.
»Sprechen Sie Englisch?«, fragte er Jean und der wusste sofort, dass vor ihm ein ganz anderes Kaliber stand.
»Ja, natürlich«, sagte Jean.
»Sie wollen über Nacht bleiben, habe ich gehört?«
Der Fremde sprach nicht einfach Englisch, er hatte den typisch Londoner Akzent, für den man lange dort gelebt haben muss. Der Mann war definitiv geborener Engländer, aus London oder Manchester.
»Sie klingen britisch«, sagte Jean und der Mann grinste.
»Hört man das noch? Ist schon ein Weilchen her, ich betrachte das mal als Kompliment.«
In Jean regte sich höchste Alarmbereitschaft – die Männer sprachen Farsi, dazu die Mädchen auf dem Sofa, die ihn offenbar anmachen sollten, der Mann vor ihm mit der Aktenmappe, wie sie Londoner Börsenmakler unter dem Arm auf der Bond Street spazieren tragen.
»Was tun Sie hier?«, sagte Jean.
Der Mann sagte etwas in holperigen Farsi zu einem der Männer, wohl der Anführer. Der nickte, grinste, zeigte auf Jean und sagte nur ein Wort. Jean sprach nur zehn Brocken Farsi, aber das Wort verstand er. Nun gut, war er ab sofort ein Freund der Mullahs in Teheran.
»Ich habe lange in einem Forschungszentrum nicht weit von London gearbeitet. Man wollte mich nicht mehr, und jetzt bin ich hier.«
»An was haben Sie geforscht?«
Der Mann verzog verärgert das Gesicht.
»Don’t ask so curiously, my friend.«
Die Klappe sollte Jean halten – das meinte der Mann wohl.
»Ich sollte mich besser um mein Geschäft kümmern, bevor ich hier weiter mit euch trinke«, sagte Jean.
Er legte dem Mädchen beide Arme um den Hals, drückte es heftig an sich und flüsterte ihr auf Arabisch ins Ohr: »Nur ein paar Minuten.«
Er stand auf, zwei der Männer auch, und zusammen gingen sie in den großen Eingangsraum, wo die offenen Kisten mit den Raketen standen. Mit einem Spezialschraubenzieher öffnete Jean die seitliche Abdeckung an den Abschussrohren und nahm die Elektronik heraus. Ein Kasten, 15 mal 4 Zentimeter, gut einen Zentimeter dick, von der Größe einer Schachtel Havanna Zigarren. An jeder Rakete tauschte er den Kasten gegen einen anderen aus seinem Rucksack, aktivierte an den Schieberegistern die Elektronik.
»Ich muss zum Auto, was holen, komme gleich wieder«, sagte Jean und nahm seinen Rucksack vom Boden auf. Außer ihm war nur noch ein Mann im Vorraum.
Nein, erst trinken und man wollte sich mit ihm unterhalten, wer er sei, woher er käme. Es ginge um die nächsten Geschäfte. Außerdem warteten die Mädchen auf ihn.
»Bist du Amerikaner, woher kommst du?«
»Ich bin Deutscher, aber ich muss jetzt wirklich zum Auto, nur einen Moment, bin gleich zurück.«
Er zwinkerte ihm zu. »Die Mädchen sind hübsch. Kriege ich die mit den dunklen Haaren?«
Kompletter Blödsinn. Die Mädchen waren alle dunkelhaarig.
Er griff nach der Klinke der eisernen Tür, zog, rüttelte, sie war verschlossen.
»Jetzt müssen wir erst feiern«, sagte der Mann und hielt grinsend den Türschlüssel hoch. »Das bisschen Technik können wir auch Morgen erledigen, wenn dir jetzt zu sehr die Hände zittern.«
Jean gab sich fröhlich, lachte, sagte: »Na gut, dann eben später.«
Er ging auf ihn zu, als wollte er an ihm vorbeigehen. Dicht neben ihm rammte er ihm von der Seite den Schraubenzieher in die Hüfte, dass der Mann wimmernd in die Knie ging. Jean hörte die anderen Männer nebenan reden und lachen. Der Mann lag auf dem Boden und krümmte sich, neben ihm der Schlüssel. Jean hob den Schlüssel auf, hastete zur Tür, schloss auf und pfefferte die Tür hinter sich zu. Suchend sah er sich um. Sein Lieferwagen stand zwanzig Meter weiter eingekeilt zwischen anderen Fahrzeugen. Musste er eben den Wagen stehenlassen und auf anderem Weg zurück nach Amman. Eilig ging er die Straße hinunter, als hinter ihm die Bomben hochgingen und eine gewaltige Stichflamme aus der Werkstatt auf die Straße schoss. Der Zugang zur Werkstatt, das eiserne Tor, flog durch die Luft und drehte sich auf einer Kante wie ein Brummkreisel. Was er dann noch registrierte, wenn auch nur im Unterbewusstsein, dass es fünf Explosionen waren, die um den Bruchteil einer Sekunde zeitverzögert zündeten.