Montag, 31. August 2015

Der Spanische Bürgerkrieg - der Exodus der Kinder

Das Schlimmste, was einem Land widerfahren kann, ist ein Bürgerkrieg. Die Front geht quer durch das Land, Väter schießen auf Söhne, der Bruder auf den Bruder. Ein Bürgerkrieg endet nie.
Der spanische Bürgerkrieg nahm seinen Anfang 1936 unter General Franco mit einer Revolte der Truppen in Spanisch-Marokko. Die Kämpfe breiteten sich bald über das gesamte Mutterland aus und ganze Regionen entschieden sich für die Falange oder Republikaner. Der Osten Spaniens mit den Städten Valencia, Tarragona und Barcelona hatte sich gegen Franco auf die Seite der Republikaner geschlagen. Valencia war Sitz der letzten demokratisch gewählten Regierung.



Hinter den Barrikaden: Regierungsanhänger verschanzen sich im September 1936 vor den faschistischen Rebellen in Toledo.

Deutschland unterstützte Franco mit der Legion Condor, die überwiegend Luftwaffeneinheiten stellte. Die deutschen Soldaten trugen keine Uniformen und ihre Existenz auf spanischem Boden wurde bis zum Ende des Krieges 1939 von deutscher Seite bestritten. Italienische Truppen kämpften ebenfalls auf Seiten der Falange. Die Sowjetunion kämpfte auf der Seite der Republikaner und unterstütze sie mit schweren Waffen, Panzern, Geschützen und rund 2000 Soldaten. Dazu kamen die internationalen Brigaden auf der Seite der Republikaner. Ernest Hemingway hat die Kämpfe in seinen autobiografisch gefärbten Romanen eindrucksvoll beschrieben.Als sich der Sieg Francos abzeichnete, evakuierten viele spanische Familien ihre Kinder aus Angst vor der Rache der Sieger. In den Zeiten des gemeinsamen Kampfes hatten sich persönliche Bindungen zwischen Russen und Spaniern entwickelt, und von etwa 34.000 Kindern kamen 3.500 in die Sowjetunion.
Die nach Frankreich, Schweden oder Dänemark evakuierten Kinder, kehrten bald nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurück. Viele gelangten in die spanisch sprechenden Länder Mittel- und Südamerikas und fanden dort eine neue Heimat. Auch bei den Kindern in der UdSSR ging man von einer zeitlich begrenzten Trennung aus. Es sollte eine sehr lange Trennung werden und für viele wurde es eine Reise ohne Wiederkehr.
Mit dem Ende des Bürgerkrieges nahmen die Faschisten grausame Rache und das ist mit ein Grund, weshalb der Krieg in den Köpfen auch heute, im Jahr 2015, noch nicht zu Ende ist. Die genaue Zahl der Ermordeten ist umstritten. Schätzungen besagen, dass etwa hunderttausend Menschen nach Kriegsende umgebracht wurden. Teilweise waren es improvisierte Kriegsgerichte, die für Legitimation sorgen sollten. Zum großen Teil wurden die Menschen auf offener Straße erschossen. Oft reichte eine Anzeige des Nachbarn und viele Immobilien haben auf diese Weise den Besitzer gewechselt.
In Spanien hatte man die Kinder nicht vergessen. Aber mit Ende des zweiten Weltkrieges begann der Kalte Krieg und humanitäre Vereinigungen hatten kaum Möglichkeiten, sich um die Kinder in der UdSSR zu kümmern. Aus damaliger Sicht hatte man Wichtigeres zu tun und Franco, unangefochtener Diktator Spaniens, hatte kein Interesse an den Nachkommen seiner ehemaligen Gegner.

Ich lernte Elena (Name geändert) vor einigen Jahren hier in Valencia kennen, sie hatte gerade ihren 79. Geburtstag gefeiert.
Elena wurde 1934 in Valencia geboren und war viereinhalb Jahre alt, als sie kurz vor Kriegsende mit ihrer Schwester Conchita Spanien per Schiff über Genua verließ und nach Leningrad gelangte. Elena lernte Russisch, ging in Leningrad zur Schule, trug das rote Pionierhalstuch und wurde mit vierzehn Komsomol. Sie verliebte sich in einen jungen Russen, heiratete und bekam drei Kinder. Ihr Leben plätscherte so dahin, ein karges, russisches Leben. Erst zur Zeit Breschnjevs besserte sich die Versorgungslage in der Sowjetunion und auch Elena und ihrer Familie ging es besser.
Elena hatte ihre spanischen Wurzeln nie vergessen und 1992 übersiedelte sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern nach Valencia, ihre alte Heimat. Ihr Sohn, inzwischen mit einer Russin verheiratet, ist in Moskau geblieben.
Die jahrelange Präsenz russischer Soldaten hat Spuren hinterlassen – man hat gute Erinnerungen an die Russen. In der Provinz Valencia leben heute etwa fünfunddreißigtausend Russen. Größtenteils sind sie legal eingewandert. Nicht wenige kamen in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Touristen ins Land, haben Spanisch gelernt und sind geblieben. Die Behörden tolerieren sie, und nach drei bis vier Jahren erhalten sie problemlos eine Tarjeta Residencia. Die Stadtverwaltung bietet ihnen kostenlose Sprachkurse und Russisch sprechende Rechtsanwälte unterstützen auch die Illegalen.
Heute findet ein Exodus in entgegengesetzter Richtung statt. Die Kinderheime in Russland, Kasachstan und der Ukraine sind überfüllt, und viele spanische Ehepaare haben Kinder aus diesen Ländern adoptiert. Die spanischen Adoptiveltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder die Bindung an ihre Heimat nicht verlieren. Zumeist sind sie im Alter von drei bis sechs Jahren nach Spanien gelangt und oft sprechen sie nur wenig Russisch. In Valencia gibt es den Club Volga. Zu den orthodoxen Feiertagen wird nach den Bräuchen der alten Heimat gefeiert. Der Club bietet Sprachkurse für russische Kinder, sie sollen ihre Muttersprache nicht vergessen.
Auf der Weihnachtsfeier Ende 2010 im Club Volga habe ich zum ersten Mal Katja getroffen. Katja war Weihnachten vier Jahre alt, gerade in dem Alter, in dem Elena vor über siebzig Jahren nach Leningrad kam. Sie kommt aus einem Kinderheim in Kasachstan und lernt im Club Volga Russisch, aber das macht ihr im Moment noch nicht so richtig Spaß. Jetzt besucht auch ihre Adoptivmutter einen russischen Sprachkurs und vielleicht können sich Mutter und Tochter bald auf Russisch unterhalten.
Elena hat ihre Mutter nie wiedergesehen. Sie hat mich gebeten, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist kein leichtes Thema, aber ich werde es aufschreiben. An vielen Stellen muss ich zum Schutz einiger Beteiligter Fantasie walten lassen, denn die Wahrheit ist ein empfindliches Pflänzchen.
Valencia, Weihnachten 2011





 Folklorefestival in Valencia auf der Plaza de la Virgen 













Weihnachten 2010 im Club Volga
Russische Kinder, die von spanischen
Eltern  adoptiert wurden 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Meine Frau Galina ist gebürtige Russin
aus Perm am Ural. Hier ist sie 
mit Katja abgebildet





 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Elena, kurz bevor sie in die Sowjetunion evakuiert wurde